Zum 28. Mal fand am 30. Januar 2011 die Lange Nacht der Museen in der Hauptstadt Berlin statt. Nach Angaben des Veranstalters besuchten diese Traditionsveranstaltung mehr als 30.000 in- und ausländische Besucher. In diesem Jahr beteiligten sich 68 Museen von A wie Abgussamlung Antiker Plastik in Charlottenburg bis Z wie Zuckermuseum im Wedding. Neu dabei, das gerade wieder eröffnete Computerspiele-Museum in der Karl-Marx-Allee in Mitte. Für sich selbst, aus der Vielzahl der Häuser, eine Route zusammenzustellen ist nicht leicht. Hilfreich dafür können die fünf angebotenen Busrouten sein, welche die verschiedenen Museen Richtung Zentrum miteiander verbinden. Oder der technikgeübte Museumsbesucher stellt sich nach dem Einrichten eines Accounts auf der Webseite www.lange-nacht-der-museen.de ganz praktisch sein Abendprogramm zusammen.
Visitatio ging ein wenig anderes an die Auswahl der Museen heran, wählte den Buchstaben "D" fand dazu fünf Museen in Mitte und ergänzte seine Liste durch ein Überraschung, was übrigens kein Gerücht ist ! Erleben Sie mit uns Geschichte, Technik und Kunst auf einem sechs einhalb Stunden währenden Stadtspaziergang durch Berlins Mitte unter einem klaren kalten Januar Sternenhimmel:
Fünf "D" und ein Überraschung für die lange Nacht der Museen
Die fünf "D" stehen für das "DDR-Museum ", das "Deutsche Guggenheim ", den "Deutschen Dom ", das "Deutsche Historische Museum " und das "Dokumentationszentrum Topographie des Terrors ". Hier soll unsere lange Nacht der Museen beginnen. Die Eintrittskarten zu erwerben ist ein Kinderspiel. Kooperationspartner der Veranstaltung sind die Berliner-Verkehrsbetriebe. An jedem Fahrkartenautomat ist der Anspruch auf Museumsbesuche und Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln für 15 €uro zu erwerben. Spätestens am S-Bahnhof Friedrichstraße fällt auf, dass dies kein normaler Sonnabendabend ist. Viel mehr Berliner und Gäste ihrer Stadt sind unterwegs und nicht zur Partyzeit, sondern bereits um 18.00 Uhr. Mit der S2 gehts weiter Richtung Potsdammer. Wir versuchen auf kürzestem Weg zum Dokumentationszentrum Topographie des Terrors zu gelangen. In der Niederkirchner Straße kehren wir dem Getümmel und hellem Licht den Rücken...Einstimmung auf eine Bedrückende Ausstellung.
Dokumentationstentrum Topographie des Terrors
10693 Berlin-Mitte , Niederkirchnerstraße 8, www.topographie.de
Der schlichte Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Bibliotheksbau ist sanft beleuchtet. Einzelne Besucher und kleine Gruppen nähern sich dem, am 6. Mai 2010, nach jahrzehntelangem Ringen eröffneten, besonderen Lernort. Links des Fußweges erahnt der Besucher die nur sporadisch beleuchteten Kellermauern der Gestapozentrale, die sich von 1933 bis 1945 in dem Gebäude einer Kunstgewerbeschule in der Prinz-Albrecht-Straße 8 befand. In dem damaligen Gebäudekomplex wurden schon wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Gegner ihrer menschenverachtenden Politik eingesperrt und gefoltert um meist nach wenigen Tagen dann in Konzentrationslager verschleppt zu werden, in denen viele von ihnen ermordet wurden oder an Entkräftung, Hunger, Kälte und physischer und psychischer Qual verstarben. Den Opfern wurde mit dem Dokumentationszentrum Topographie des Terrors ein würdiges Denkmal gesetzt. Die auch in der langen Nacht der Museen gut besuchte Dokumentation über Geschichte, Aufbau und Personalstruktur von Gestapo, Reichssicherheitshauptamt und SD, über deren Verbrechen und Gräueltaten beeindruckt durch ihre informative Sachlichkeit. Fotos und Faksimiles von Originaldokumenten werden durch wenige erklärende und keineswegs bewertende Texte in deutscher und englischer Sprache ergänzt. Wir lesen die Lebensläufe von Gestapo-Mitarbeitern, sehen Gruppenfotos und Portraits von SS-Leuten, lesen Vernehmungsprotokolle aus der Zeit nach dem Ende
des 2. Weltkrieges, die den Zynismus und die Verrohtheit der Täter verdeutlichen... Auf anderen Tafeln sehen wir Fotos ihrer Opfer, Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberalen, Christen, Mitgliedern der "Roten Kapelle"... erschreckende Bilddokumente der Ermordung von Partisanen, Zivilisten, ganzer jüdischer Familien, von Hinrichtungen , Demütigungen, Zurschaustellung und Verhöhnung von Juden, Sinti und Roma, sogenannten Kolaborateuren und von aktiven Gegnern des Naziregimes, sehen Kopien von anonymen Denunziationen andersdenkender und homosexueller Menschen... Dokumente der Verbrechen von Deutscher Wehrmacht und SS in allen Ländern Europas. Am Ende der Ausstellung Zeugnisse von Prozessen und Hinrichtungen der Naziverbrecher aber auch von ihrem unbescholtenen Weiterleben in der bundesdeutschen Gesellschaft. Die Besucher bleiben lange stehen, lesen und nur selten hört man leise Gespräche. In dem großen Ausstellungsraum herrscht betretene Stille. Als wir das Dokumentationszentrum verlassen brauchen wir einige Zeit um die
Worte wieder zu finden.
Museum für Kommunikation Berlin
10117 Berlin Leipziger Straße 16, www.museumsstiftung.de --- www.twitter.com/mfk_berlin
Kein "D" die Überraschung der langen Museumsnacht steht uns bevor, das Museum für Kommunikation Berlin. Die belebte Leipziger Straße, welche den Alexanderplatz mit dem Potsdamer Platz verbindet, schmückt nur eine Kreuzung nach der Friedrichstraße ein monumentaler Prachtbau von 1874. Vorerst diente er als Reichspostamt, um vom Ende des 19. Jahrhundert an auch das Reichspostmuseum zu beheimaten. Seit dieser Zeit ziert eine Plastik auf dem Dach des Hauses diesen Bau. Giganten umarmen die Erdkugel, wie das Post- und Telegrafennetz die Erde umspannt.
Unter den Besuchern zur langen Nacht der Museen sind viele Familien mit teils recht kleinen Kindern. Dieses Museum welches Kommunikation, also Unterhaltung dokumentiert, unterhält. Es präsentiert sich auch an diesem Abend als wahres Familienmuseum. Am Einlass erhält jeder Besucher einen hellblauen Flyer, mit dem reichhaltigen Programm der langen Nacht. In der Halle "jagen" zwei Roboter einen orangefarbenen Ball, den Kinder immer wieder an einer anderen Position platzieren, um die Roboter zu locken. Überall im Haus ist Bewegung und Gespräch - Kommunikation. In den riesigen Vitrinen sind Modelle von Postkutschen, Postflugzeugen und Postdampfern , Telefonzentralen, Fernschreiber und Faxgeräte, Querschnitte von Telefonkabeln sowie der historische Abriss der Entwicklung vom Telefonapparat bis zum modernen Handy von heute zu sehen. Erinnerungen werden wach! Eines der mobilen Geräte erkenne ich wieder. Koffergroß hatte ich 1990 mit einem solchen Mobilgerät im neuen Osten den Kontakt zur Firma im fernen Leinfelden-Echterdingen gehalten. Den Besuchern entfleuchen regelmäßig solchen Erinnerungs - "Ah" und "Oh". Ein Raum zeigt die Geschichte der Briefkästen und bewahrt in vielen Tischen mit verschiebbahren Glasfächern Schätze der Briefmarkengeschichte auf.
Vor einem 1:1 "Sprengmodell" einer Postkutsche geht es lauter zu. Komisch, warum die Leute Lachen und Raunen ist nicht zu vernehmen, oder doch, aber nur mit Kopfhörern. Die Quelle der Information steckt in der schalldichten "Textbox ". Es ist Performance-Künstler und Slam Poet Bas Böttcher der seine Geschichten zelebriert vor gespannten und bestens unterhaltenen Zuhörern.
Auf der obersten Empore sitzen Besucher vor Rechnern und surfen, chatten, twittern, facebook"en", googlen...wir sind in der heutigen Zeit der Kommunikation angekommen. Einige Schritte weiter empfängt uns die aktuelle Sonderausstellung "Gerüchte". Schrille Farben fangen uns ein, in der Mitte des Raumes ein Lattenwirrwar in Grün, welches ein Skelett für allerlei Gerüchteinstalationen ist. Ein Laserdrucker spuckt in regelmäßigem Abstand Gerüchte aus, die vorher Besucher am Rechner produziert haben. Dafür müssen sie Fragen wie "Sind Sie Mann oder Frau?", "Haben Sie ein Handy?", "Haben Sie einen Führerschein?" oder "Sind sie Ausländer?" beantworten. Aus dem System von "JA" und "NEIN" Kombinationen entstehen recht merkwürdige Gerüchte: "Herbert Meier belästigt schon wieder Ex! Er streitet alles ab." Mit unserem Ausdruck als Erinnerung verlassen wir die Gerüchteküche und das wirklich unterhaltsame Museum für Kommunikation.
Deutscher Dom
10117 Berlin-Mitte , Gendarmenmarkt 1 , Webseite der Ausstellung
Über die Friedrichstraße geht es zum Gendarmenmarkt, diesem wunderschönen Platz mit dem Schauspielhaus das rechts und links zwei Dome flankieren die nie ein Dom waren. Der südliche der beiden Türme, der sogenannte Deutsche Dom beherbergt seit eingen Jahren eine Ausstellung mit einem ziemlich gestelzt klingenden Namen: "Wege - Irrwege - Umwege / Die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland" . Für die Besucher der Ausstellung erweist sich der Name als Warnung, denn auf unbegreifbaren Wegen muss sich der Gast von Ausstellungsraum zu Ausstellungsraum navigieren. Zwar gibt es hier auf dem Fußboden Markierungen und an den Wänden Hinweispfeile, aber ehe man diese erfasst, hat man sich im Labyrinth des Hauses längst verlaufen. Wir landen auf einer Empore mit Modelle Deutscher Parlamente. Die Pauluskirche Frankfurt ist zu sehen, der Reichstag, der Parlamentssaal von Bonn und, hier schwächelt die Sammlung, der Große Saal des unterdessen abgerissenen Palast der Republik, in dem die DDR - Volkskammer nie tagte. Auch die anderen Ausstellungsräume sorgen, falls sie gefunden werden nicht unbedingt zum großen "Aha" - Erlebnis. Zu plakativ, unnahbar und unpersönlich wird dieses wichtige Thema abgehandelt. Es erscheint dem Besucher, als würde auch hiermit und mit der Unübersichtlichkeit der Ausstellung, der Politik der Spiegel vorgehalten werden.
Deutsche Guggenheim
10117 Berlin-Mitte, Unter den Linden 13-15, www.deutsche-guggenheim.de --- www.twitter.com/deutschegugg
Es sind nur einige Schritte vom Gendarmenmarkt bis zur Charlottenstraße. Das Deutsche Guggenheim ist in der Langen Nacht der
Museen nicht zu übersehen. Pink angeleuchtet der Seiteneingang. Ein
Knäuel Menschen windet sich einzeln durch die Drehtür, um am anderen
Ende von beohrstöpselten Securitys beäugt zu werden. Wegweisend mit den
Armen wedelnd geben sie die Richtung zur Garderobe vor. Bei der Kälte
dieser Januarnacht eine gute Idee. Im überdachten Innenhof, auch der in
Pink, gibt es Saft, Sekt, Snack und Sonnenliegen unterm
Sternenhimmel.Uns zieht es in die Agathe Snow - Ausstellung "Access World". Die in
Korsika geborene und New York lebende Künstlerin hat für das Deutsche
Guggenheim ihre erste große Einzelausstellung mit neuen exclusiven
Kunstwerken geschaffen, die noch bis zum 30. März 2011 zu sehen ist.
Durch die Hintertür, den Museumsshop mit einem
Gewimmel von Ausstellungskatalogen, kaufbaren Kleinkunstwerken und
Berlinsouvenirs betritt der Besucher die Ausstellungshalle. Der erste
Blick entscheidet wohin sich die Emotionale wendet. Ein mit groben
Stichen genähtes beigefarbenes Brandenburger Tor empfängt uns, erdrückt
von einem fast gleich großen schrillgelben Mc Donnald "M". Schockstarre
trifft das Hirn und gibt ihm wenig Ruhe zu begreifen, was es sieht.
Bunt und wild geht diese Interpretation von Sehenswürdigkeiten der Welt von Agathe Snow
weiter. Hier unter den Linden in Berlin finden wir uns wieder am schiefen Turm von Pisa, vor Götterstatuen aus Ägypten vor dem an Gerüststangen gepinten legendären Schriftzug von Hollywood. Irgendwo ist Mexiko, dort stehen die Wolkenkratzer von "????" Staunendes Fragen in den Augen der Betrachter. Ein lautes Gemurmel der Spekulation füllt den Sound. Ein wenig mutet es an wie bei "Kaisers neuen Kleidern". Alle spielen Entzücken und Keiner traut sich zu sagen was er denkt. Was fasziniert ist die Phantasie im Umgang mit den Materialien. Hühnerzaun, Pappmaschee, Stoffe aller Qualitäten und Farben, Glitzerkram, Bälle, Holzleisten...scheinbar ohne Sinn und Verstand zueinander gefügt zeichnen sie die Silhouetten der berühmten Sehenswürdigkeiten der Welt. Wandhoch sind die Foto-Collagen mit denen sich die einmalige Sicht der Performance-Künstlerin auf die Wahrzeichen der Welt fortsetzt. Hier und da irritieren den Betrachter handwerkliche Unsauberkeit. Leim glänzt, als wäre er unter den Teils grob geschnittenen Bildelementen hervor gequollen. Pedant wer Schlechtes dabei denkt! Nach dem Besuch von Alice Snow's Mikrokosmos bleiben wilde bunte Bilder im Kopf wie man sie anders nicht von Aktionskunst erwarten wollte.
Sein eigenes kleines Kunstwerk, inspiriert von Alice Snow, kann vor dem Verlassen des Hauses der Besucher noch basteln. Für 3 €uro liegen gestanzte Silhouetten des Brandenburger Tores bereit , die geschickt kombiniert zu einem 3D-Modell werden. Verziert wird das Ganze mit Gummitieren und -früchten. Süß!
Deutsches Historisches Museum
10117 Berlin-Mitte , Unter den Linden 2 , www.dhm.de
In der Langen Nacht der Museen erscheint Berlins Prachtstraße Unter den Linden noch lebendiger. Auch jetzt fast 23.00 ist beständiger Verkehr auf der Straße. Im Abstand einiger Minuten bleiben Busse mit der Aufschrift "Lange Nacht der Museen" an den Bushaltestellen stehen. Sie sind auch jetzt überfüllt. Große Menschengruppen - Junge Menschen, aber auch viele ältere Jahrgänge sind zu sehen, Menschen vieler Nationalitäten, sind unterwegs die Museen der Stadt zu erobern. Das "Deutsche Historische Museum" (DHM) , so wird es am folgenden Montag in den Zeitungen stehen wird das bestbesuchte Haus der 28. Langen Nacht der Museen sein. Über 8000 Besucher werden gezählt. Wir sind dabei.
Untergebracht ist die umfangreiche Sammlung mit Kunstwerken, Dokumenten, Zeugnissen und Gegenständen aus Alltag, Politik und Macht, Kunst und Kultur im ältesten Haus Unter den Linden, dem Zeughaus. Es ist ein prachtvollen Barockbau der 1706 fertig gestelt wurde. 2003 konnte die Ausstellungsfläche durch die Eröffnung des nach dem Architekten benannten Pei-Baues um weitere 2600 qm vergrößert werden. So entstand Platz für Sonderausstellungen wie die, bis zum 27. Februar geöffnete, viel besuchte Ausstellung: "Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen".
Die voran geschrittene Zeit erlaubt es uns nur einen Appetithappen dieses umfangreichen Museums zu genießen. Im Obergeschoss des Zeughaus finden wir die Geschichte vom 1. Jahrhundert vor Chr. bis 1918. Ein gewaltiger Zeitabschnitt, der selbst mit einem Tagesbesuch im DHM kaum ausreichend erfasst werden kann. Tausende Exponate, Modelle von Keltischen Dörfern, im Rost der Zeit fast verloren gegangene Waffen und Rüstungen, Bücher, Schriftstücke, Küchengeräte und Machtsymbole, riesige Wandteppiche mit Motiven von Krönung und Jubelfeiern, Altare und Bibeln, Werkzeuge, Webstühle, Maschinen, Kutschen und Modelle von Flugzeugen und Dampfern, Pickelhauben und noch blass rot schimmernde Fahnen aus der Zeit der Sozialistengesetze, Portraits und Büsten von Luther bis Bismarck...2000 Jahre deutscher Geschichte nicht zum anfassen aber zum begreifen. Das DHM hat sich für die Lange Nacht der Museen bestens vorbereitet. Immer wieder treffen wir auf Führungen, bleiben für wenige Minuten stehen und werden so auf weitere Details der Geschichtspräsentation aufmerksam gemacht. Es sind oft die kleinen Dinge des Alltags, die uns erstaunen lassen und so die Erkenntnis reifen kann, dass schon vor Generationen die Menschen uns ähnlich waren, Sehnsüchte und Alltagsgegenstände mit uns teilten. Ein Beispiel dafür ist ein Tier aus Ton. Nicht größer als zwei Streichholzschachteln. Braun und von grober Hand bearbeitet. Es diente schon vor fast 2000 Jahren als Spielzeug.
Über Fünf Stunden sind wir bereits unterwegs durch die Museen Berlins. Die Aufnahmebereitschaft lässt nach. Die unglaubliche Menge an Informationen und Eindrücken im Deutschen Historischen Museum scheint uns in dieser Stunde zu Erdrücken. Wir ziehen weiter und, es wird die Idee der Langen Nacht der Museen transparent, werden wieder kommen ausgeruht, wissbegierig und neugierig zugleich um erneut einzusteigen in die Reise durch die Vergangenheit, die unser Heute so sehr trägt.
DDR-Museum
10178 Berlin-Mitte , Karl-Liebknecht-Straße 1 , www.ddr-museum.de
Blau leuchtende "D" und "R" zeichnen verschwommen der Schriftzug "DDR" im Wasser der Spree nach. Blaue Schlieren im nächtlichen Hauptstadtfluss, Name eines untergegangenen Staates. Der offenbar noch immer Erinnerungen und bei anderen Neugier weckt, auch spät oder doch früh in der Langen Nacht der Museen. Die Ausstellungsräume am Spreeufer sind bestens besucht, der Trabbi genau so umlagert und besetzt wie der Volvo die einstige Staatskarosse, die verspießerter nicht sein konnte als ihre einstigen Mitfahrer. Ausstellungsschränke (ja Schränke keine Vitrinen) im Plattenbaulook veranschaulichen Wohnkultur und Transparenzlosigkeit, schaffen Raum für Träume, Illusionen, Zweifel, Enttäuschung, Entsetzen...Bei den Einen werden Erinnerungen laut, beim Begreifen (ja hier sind die meisten Ausstellungsstücke an zufassen) von Pionierbluse, Pausenbrotdose, Schulranzen mit Heftern, Schulbüchern, Lehrerkommentaren... Andere schmunzeln in sich hinein über die präsentierte sozialistische Einfallt und Farblosigkeit, können es nicht fassen, weil selbst nicht erlebt, erleben im Gespräch mit dem der erlebt hat, im Sehen der Ausstellungsstücke der scharz-weißen Wochenschau, sie nicht nur Scharz und Weiß auch Grau war, diese DDR, das sie nicht mit Gut oder Böse ausreichend beschrieben ist. Hier lassen sich Schranktüren und Schubladen öffnen und zu Vorschein kommt der Spint vom Schlosser und selbst der ölige Geruch dieser Zeit ist hier konserviert. Zwei Schritte weiter ein Schubkasten mit Medaillen und Orden, dann mal nicht zum berühen Putzi und Florena hinter Glas. Dem Einen fehlt das Intimspray der Anderen eine Spielzeugpuppe und so füllen sich im bildreichen Kopf des Besuchers die Auslagen der Schränke. Der RFT-Kassettenrekorder, die Möglichkeit die Musik zu speichern die man wirklich hören wollte, der alte Wecker, die Stabtaschenlampe, im Wohnzimmer der Multifunktionstisch, im Fernseher springt der schwarz Adler auf die Antenne und Karl-Eduard erklärt seine Weltsicht. Diabetrachter spenden karges Licht Die Küche ist belagert. Frauen stecken ihre Köpfe in die Schränke. Durch einen Dunstschleier geht es in den zweiten Teil der Ausstellung, ein Zelle, ein Vernehmungszimmer mit stechendem Licht in Augenhöhe, auch hier wieder Schränke...und wieder ein Spinnt, der des Soldaten recht unaufgeräumt. Mit so einem Schrank voller unsortierter Soldatenhabseligkeiten hätte ich beim Stubendurchgang des Unteroffiziers die nächste Strafarbeit gewonnen, ich zucke zusammen, brüllt mich der Kerl doch wirklich an und schickt mich Pinkelbecken putzen...unter den entsetzten Augen von Marx, Engels und Lenin der Schreibtisch des Parteisekretärs mit dem Telefon. Ein junger Besucher hebt den Hörer und wird verbunden mit irgendeinem höheren Leitungskader, der ihm von Engpässen bei der Toilettenpapierproduktion berichtet. Eingefangener Alltag aus 40 Jahren DDR ohne Propaganda dokumentiert, erlebbar gemacht, ergreifend, authentisch, ohne erhobenen Zeigefinger den Finger in die Wunde legend.
Nach(t)betrachtung einer langen Nacht der Museen
Vor dem DDR-Museum gibt's Ketwurst, dieser heute nicht mehr zu fälschende Oststraßensnack aus länglichem Milchbrötchen mit darmloser Bockwurst im Ketschuploch. Wir verpassen die Straßenbahn, die nächste in 30 Minuten...wir eilen zum Alex...die nächste S-Bahn in 40 Minuten...Es ist kurz vor Eins. Tausende Menschen haben einen traumhaften Abend in der tagtäglichen Kulturhauptstadt erlebt und werden von hier auf sofort ins jetzt zurückgebeamt. Der kartenverkaufende Kooperationspartner Nahverkehr kriegt die Gäste der Langen Nacht der Museen nur schwerlich nach Hause. Bei jedem Hertaspiel wird der Verkehr aufgestockt. Sind die Museumsbesucher zu kulturvoll und es droht mit ihnen kein Chaos? Keine Ahnung. Viertel nach zwei erreichen wir unsere Wohnung nach einer Sardinenbüchsenfahrt mit der Straßenbahn. Ein ärgerlicher Schlusspunkt unter einem, wie Sie lesen konnten, erlebnisreichen, ergreifenden, begeisternden, unterhaltsamen Abend in der Museumsmetropole Berlin. Danke!
Alle Museen der 28. Langen Nacht der Museen auf der Karte
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