Soweit die Füße tragen

“Wo du mit deinen Füßen warst, da warst du wirklich!”, besagt ein altes Sprichwort, weshalb wir uns auf entschlossenen Wanderschuhsohlen in den für Besucher gut erschlossenen Bayerischen Wald mit seinen reizvollen Sehenswürdigkeiten begeben haben. Folgen Sie uns auf einen Besuch in der legendären “Gläsernen Scheune” nahe dem Luftkurort Viechtach, auf unserer Tour zum und über den “Höllensteinsee” und wandern sie mit uns zur Burgruine “Neunußberg”. Ein Kurzausflug mit herrlichem Ausblick.
Sehenswürdigkeiten im Bayerischen Wald
Der Luftkurort Viechtach
Wer dem schwülen Treiben der Hauptstadt im Spätsommer einstweilen entfliehen will, findet in den bunten Reklameheftchen verschiedenster Discount- und Supermärkte neben Nilkreuz- und Himalajarundfahrten auch einige Kurzurlaubsangebote die zum Wandern in die Deutschen Mittelgebirge oder ins Alpenvorland einladen. Diese Ausflüge sind, wenn auch reichlich schnell ausgebucht und in der Feriensaison nicht immer zu dem Betrag zu haben, für den sie in besagten Reklameheftchen angeboten werden - also Vorsicht bei der Buchung! - mit Preisen unter hundert Euro für drei Übernachtungen mit Halbpension selbst für die schmalen Geldbeutel von Studenten wie unsereins durchaus reizvoll. So vertauschten wir die Feinstaub geschwängerte Berliner Luft gegen jene des Luftkurortes Viechtach eines beschaulichen achttausend Einwohnerstädtchen in Mitten des Bayerischen Waldes nicht weit von der tschechischen Grenze gelegen.
Das gebuchte Hotel direkt am Stadtplatz wartet mit regionaler Küche, einem reichlichen Frühstücksbuffet, geräumiger Schwimmhalle mit Blick auf grüne Bergrücken und zudem dem pünktlich weckenden Glockenschlag der Stadtpfarrkirche St. Augustinus auf, die als eine der schönsten Rokokokirchen der Region gilt.
Sehenswürdigkeiten Viechtach und Nußberg
Die “Gläserne Scheune”
Der weithin sichtbare Kirchturm ist es auch, der uns noch einmal hinüber winkt, als wir am Nachmittag unseres Ankunftstages - die Zeit ist kostbar - zu unserer ersten Wanderung aufbrechen, die uns bei strahlendem Sonnenschein ein Stück weit am Ufer des “Schwarzen Regen” und dann hinauf zum Raubühl führt, wo wir die “Gläserne Scheune” zu besichtigen gedenken. Diese Viechtacher Sehenswürdigkeit, schon am Stadtplatz ausgeschildert, wird uns in der freundlich besetzten Tourismusinformation empfohlen, weil sie mit einer Entfernung von fünf Kilometern auch für untrainierte Großstädter an einem Nachmittag zu erwandern ist und außerdem einen kunstvollen Einblick in den Sagenkreis der Region verspricht.
Bestens ausgestattet mit einer Wanderkarte des Bayerischen Vermessungsamtes müssen wir jedoch feststellen, dass der Weg direkt an den Serpentinen der Landstraße entlang führt, man also stets auf der Hut vor herannahenden Fahrzeugen zu sein hat und der herrlichen Natur mit den saftig grünen Bergwiesen und bewaldeten Hängen nur eine verminderte Aufmerksamkeit schenken kann. Für einen Familienausflug zum Raubühl empfiehlt sich daher wohl eher der Bus.
Gesund und munter erreichen wir nach zweieinhalb Stunden die Scheune, die aus der Ferne ein wenig wie ein Hundertwasserhaus anmutet. Der Eintritt von fünf Euro verlohnt, besonders, weil das aufgeschlossene Personal gern bereit ist in regionaler Mundart eine kleine Einführung in die Geschichte dieses bemerkenswerten Ortes zu geben, die das Lebenswerk des Glasmalkünstlers und Bildhauers Rudolf Schmid, wie auch die Werke seiner Söhne, nicht nur beherbergt, sondern in eindrucksvoller Weise als Gesamtkunstwerk darstellt. Historische Geschichten, Sagen und Legenden aus dem Bayerischen Wald hat Schmid auf die Lichtdurchfluteten Glaswände der Scheune gemalt. Auf zehn mal sieben Metern erstreckt sich etwa die vom Künstler selbst über Tonband kommentierte Erzählung des Waldpropheten Mühlhaisl. Dies nur eine von insgesamt sechs monumentalen Glasgemälden in der “Gläsernen Scheune”, die es, neben Schnitzereien, Gemälden und Kunstdrucken, zu besichtigen und teilweise auch zu erwerben gibt. Ein gelungener Einstieg in unseren Kurzwanderurlaub.
Der “Höllensteinsee”
In den zwanziger Jahren wurde der “Schwarze Regen” zum Zweck der Stromerzeugung auf einer Länge von knapp sechs Kilometern aufgestaut, wodurch an den Gestaden des “Höllenstein-Kraftwerkes” ein beschaulicher Bergstausee entstand, der Höllensteinsee. Das Ziel unserer Wanderung am zweiten Urlaubstag und mit einer Gesamtstrecke von gut 15 Kilometern schon etwas weniger bescheiden als am Vortag. Aus Viechtach heraus und über die Brücke an der Rugenmühle führt der Wanderweg zunächst wieder an der Straße entlang, zweigt dann jedoch quer durch ein Maisfeld ab zum Waldrand nahe des Flussbettes und führt eineinhalb Kilometer nach Pirka, wo sich, direkt am Flussufer ein Campingplatz befindet. Weiter geht es, dem Wanderweg 1 folgend, an vereinzelten, sehr idyllischen Gehöften, mit den typischen bayerischen, reich mit Geranien bewachsenen Holzbalkonen entlang, Richtung Gröllerhaus wo wir auf einer Bergwiese unser zweites Frühstück verzehren. Schließlich, nachdem ein Straßenwanderabschnitt sich glücklicherweise als sehr k urz erwies, folgt der Abstieg zum Höllensteinsee (für Radfahrer nicht geeignet), dessen Spiegel sich dunkelsilbern zwischen ruhig bewaldeten Bergrücken erhebt. Einen halben Kilometer am Ufer entlang und man erreicht und überquert die Staumauer des Höllensteinkraftwerkes, denn auf der anderen Seite des Sees liegt das Ziel unseres Weges: der Bootsverleih des Höllensteinsees. Hier kann man Eisessen, Kaffee oder ein Radler trinken und Tret- bzw. Ruderboote ausleihen, um ein oder zwei Stunden über den See zu rudern. Abgerechnet wird von der freundlichen Bedienung - “Na, ihr seids wohl von Viechtach da herauf gewandert?” - nach dem Wiedereinlaufen in Viertel-Stunden-Preisen. Unsere Fahrt im Ruderboot “Babsi” dauert etwas über eine Stunde, kostet zehn Euro und verschafft unseren Füßen eine kurze Erfrischung im kühlen Bergseewasser, unseren Mägen ein herzhaftes Picknick und unseren Augen den Blick auf eine wirklich malerische Kulisse, die, mit einigen grauen Felsaufschlüssen an den Ufern und den bewaldeten Hängen ein wenig an Schweden erinnert.
Übrigens, wer es etwas bewegter mag: ein örtlicher Veranstalter bietet “Adventure-Touren” im Kanu zwischen den Orten Regen und Viechtach an, einem Flussstück das, wie der Flyer wirbt, in Fachkreisen als “Bayerisch Kanada” bekannt ist. - Wir haben inzwischen unsere Ruderboottour und ein kleines Eis genossen, unsere Füße wieder fest in die Wanderschuhe verschnürt und uns auf den Rückweg begeben, der uns über Ruhmanns- und Tresdorf nach acht Kilometern wohlbehalten nach Viechtach zurück, wo wir, einen Schwimmhallenbesuch später, mit Bärenhunger zu einem Krug Weißbier einen Leberkäse mit Kartoffelsalat verspeisen.
Die Burgruine Neunußberg
Der Tag drei bricht mit der entscheidenden Frühstückstischfrage an, wohin wir an unserem letzten Tag in Viechtach den Schritt wenden wollen. Sehenswert in der Umgebung wären der sogenannte Große und Kleine Pfahl”, eine Quarzsteinformation, sowie das örtliche Kristallmuseum oder aber die Burgen in Kötzting und Neunußberg. Wir entscheiden uns für die Ruine, denn als wir unser Hotel verlassen, steht an der für Berliner Verhältnisse nur sehr spärlich frequentierten Haltestelle gerade ein Bus der uns bis zum Abzweig Neunußberg mitnimmt, von wo aus wir, über Wiesing, die 3,5 Kilometer zur Burgruine leichten Fußes zurücklegen. Heute soll nach der Wanderung noch Zeit für einen kleinen Stadtbummel und einen Eisbecher auf dem Stadtplatz bleiben, weshalb wir uns vor dem Aufstieg zur Burg über die Abfahrzeit des zweiten und letzten Busses dieses Tages nach Viechtach informieren.
Die Burganlage wurde nicht wie vielleicht zu erwarten von einem Herrn von und zu Nussberg, sondern von einem reichen Gutsbesitzer, Konrad Nußberger, im 14ten Jahrhundert als Wohnturm erbaut. Auf der schmucken Freilichtbühne gegenüber der von Nußbergers Söhnen errichteten Kapelle St. Michael, die innerhalb des Mauerrings am Fuß des Turmes liegt, finden seit Ende der 1960er Jahren in den Sommermonaten die in der Region bekannten und beliebten “Burgfestspiele” statt, für deren Besuch wir aber leider ein paar Tage zu spät angereist sind. Dafür genießen wir bei unserem Gang durch die Burganlage den Luxus vollkommener Menschenleere und erklimmen ganz für uns in aller Ruhe die Aussichtsplattform des entkernten Wohnturmes, um den weiten Blick ins Tal zu genießen. In knapp sieben Kilometern Entfernung grüßt der Kirchturm von St. Augustinus herüber, am Berghang, dort, wo einstmals im 16ten Jahrhundert die Burganlage um eine Vorburg mit einem Wirtschaftshof erweitert wurde, liegt heute ein Wellnesshotel, dessen rasenmähender Gärtner unseren Burgfrieden stört. Also wieder hinab zur Bushaltestelle. Dort angekommen müssen wir, nach zwanzigminütiger Wartezeit und einem erneuten eingehenden Studium des Fahrplans, leider feststellen, dass der von uns erwartete Bus nur in der Schulzeit in Neunußberg Station macht. Es hilft nichts, wir machen uns zu Fuß auf den Rückweg, jedoch mit ausgestrecktem Tramperdaumen. Eine halbe Stunde, zwei Kilometer und vier Autos später hält ein weltoffener Wagen der Bayerischen Motorenwerke und lässt uns auf seine schicken Ledersitze klettern. Das hätten wir nicht erwartet, schlucken aber unsere Verblüffung herunter und fahren keine zehn Minuten später gut klimatisiert und von einem Vorurteil entlastet in Viechtach ein, bedanken uns beim Fahrer und investieren unser gespartes Busgeld in einen kolossalen jedoch nicht ganz regionalen “Schwarzwaldbecher” in der Eisdiele am Stadtplatz.
In Straubing
Am nächsten Morgen, der Himmel hat sich mit unfreundlichen Wolken bezogen, um uns den Abschied von Viechtach zu erleichtern, steigen wir in den Vormittagsbus nach Straubing, wo wir uns die Wartezeit auf unsere Mitfahrgelegenheit zurück in die Hauptstadt mit einem Bummel über den mehr als 600 Meter langen gotischen Stadtplatz, dieses einstigen Zentrums Wittelsbacher Herrschaft. Unweit des Straubinger Stadtturms, der den Stadtplatz in Ludwigs- und Theresienplatz teilt und dessen 1406 gegossene Glocke zu den ältesten Deutschlands zählt, lassen wir uns vor dem “Weißbierhaus” nieder und bestellen uns, als kleine Einstimmung auf die Heimat, eine “Berliner Weiße” - hergestellt aus echter Straubinger Weiße, mit Sirup versetzt . Fazit: die Bayern können herrliches Weißbier brauen, aber an unserer “Champagne du Nord” sollten sie sich nicht versuchen. Wie heißt es doch “Schuster, bleib bei deinen Leisten” womit wir wieder bei unseren Wanderschuhen wären, die sich des Abends wieder auf den Weg nach Berlin machten, vorbei an den zahlreichen Plakaten mit der Ankündigung auf das “Gäubodenvolksfest”, dass in wenigen Wochen auf dem Festplatz “Am Hagen” stattfinden und mehr als eine Million Besucher nach Straubing locken wird. Wir werden nicht mit dabei sein. Na ja, vielleicht beim nächsten Mal.
Sehenswürdigkeiten in Straubing
Links: www.viechtach.de
www.glaeserne-scheune.de
www.burgfestspiele-neunussberg.de
www.bayerischer-wald.de
www.straubing.de
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