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Hessen

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Kreisstadt mit großem Herz und kurzen Wegen

Geschrieben von Anja Wellenreich   

Ein Stadtrundgang durch Fulda

Fulda Dom und Altstadt

Als Barock- und Bischofsstadt im Dreiländereck Hessen, Bayern und Thüringen, wartet Fulda mit üppigen Bauformen weltlicher und geistlicher Macht, frischen Auen, kunstvoll angelegten Gärten, und einem mittelalterlichen Altstadtkern auf. Beschauliche Cafés vor liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern laden zum Verweilen ein und der Fuldaer Dom St. Salvator, das Wahrzeichen der Stadt, grüßt den Besucher schon von Weitem.


Berlin trifft Bonifatius

Einen Monat war der Leichnam des Missionars Bonifatius unterwegs, der am 05. Juni 754, im Alter von über 80 Jahren in Friesland den Märtyertod gesucht und gefunden hatte, bevor er am 05. Juli in dem von ihm zehn Jahre zuvor gegründeten Kloster in Fulda beigesetzt werden konnte. Damit wurde dem ausdrücklichen Wunsch des “Apostels der Deutschen” willfahren, der verfügt hatte, dass “in einer Gegend, von der Welt verlassen, umgeben von missionierten Völkerscharen” sein Leichnam ruhen sollte.

Bonifatiusdenkmal Fulda

Wir, die über ein Jahrtausend später von der A7 über die Ortschaften Oberstoppeln, Sieglos und Unterstoppeln in besagte Gegend einfahren, finden sie nicht mehr von der Welt verlassen, sondern vielmehr von zahlreichen Touristen besucht vor. Gerade in den Bonifatiuswochen zwischen dem 05. Juni und 05. Juli, in denen auch wir anreisen, wird Fulda alljährlich von Pilgern und Besuchern durchströmt, die den Parkour der kurvigen Straßen Richtung Innenstadt gemeistert haben und sich wohlwollend in die Fußgängerzone der Altstadt ergießen. Vorbei am Heilig-Geist Hospital und der Stadtkirche lassen wir den mittelalterlichen Stadtkern bald hinter uns und streben dem zwischen Dom und Bürgerstadt gelegenen Bonifatiusplatz zu, um in der dort befindlichen Touristeninformation für kleines Geld ein Ticket für die 14:00 Uhr beginnende zweistündige Stadtführung zu erwerben (die Kreisstadt bietet verschiedene Individual- und Gruppenführungen für Jung und Alt und stellt auch Audioguides zur privaten Stadterkundung zur Verfügung). Treffpunkt ist das 1842 errichtete imposante Bonifatius-Denkmal von dessen Sockel der Missionar, der auch zu Lebzeiten mit einer damals ungewöhnlichen Körpergröße von fast 1,90m eine stattliche Erscheinung gewesen sein muss, gütig aber nachdrücklich den rechten Glauben anpreist.

Den Stadtpatron links liegen lassend folgen wir unserer Stadtführerin zusammen mit einer gutgelaunten Rentnertruppe aus Düsseldorf und einem Ehepaar aus Bingen auf den großen Domvorplatz, wo in ein paar Wochen die Schottische Sängerin Amy Macdonald zu Gast sein wird. Auch die deutsche Bischofskonferenz hat hier bereits getagt und der verstorbene Papst Johannis Paul II. gab sich im Jahre 1980 die Ehre die Grabstätte des Heiligen Bonifatius zu besuchen. Der Missionar hatte seinen Schüler Sturmius mit dem Klosterbau beauftragt, der als “Apostel der Sachsen”, wie unsere Stadtführerin berichtet, in die Geschichtsbücher eingegangen ist.


Der Fuldaer Dom - St. Salvator

1704 bis 1712 wurde die alte Basilika zu einem üppigen Dom Barocker Schönheit umgebaut und unter anderem zwei Seitenkapellen mit vielfältigen Stuckverzierungen angefügt, von denen die rechte den Krieg unbeschadet überstanden hat. Der Innenraum des Doms präsentiert und repräsentiert sich wie eine Theaterbühne. Die Wände des lichtdurchfluteten Raums sind weiß gehalten. Auf eine Vergoldung des von Putten gehaltenen Rankenwerks und der umstehenden Apostel wurde hier ebenso verzichtet wie auf bunte Deckengemälde, um nicht vom zentralen Hochaltar abzulenken. “Das Paradies auf Erden, sollte das Altarbild werden”, reimt unsere Stadtführerin und erklärt, dass bekannte Heilige Abendmahl darauf sei dem Rubenschen Original in Mailand von einem Fuldaer Maler nachvollzogen wurden.

Fuldaer Dom

Sie führt uns zu einer Treppe links hinter dem Altar, über welcher ein Gemälde der Barockzeit, die Ermordung des Bonifatius darstellt. Szenenwirksam bohrt sich der Krummsäbel eines bärtigen Turbanträgers mit wildrollenden Augen in den Kopf des Märtyrers der gottvertrauend gen Himmel blickt. So sahen also die Friesen des 8 Jahrhunderts aus? Man hätte sie sich Wikingerhafter vorgestellt. “Sehr richtig”, bemerkt die Stadtführerin, “das Bild mahnt an die ‘heidnische’ Gefahr des 17ten Jahrhunderts, die nicht von Odin, sondern Allah drohte.”

Derweil kommen wir andächtig vor dem Bonifatiussarkophag zu stehen, um den gruppiert die Herzen der Fürstbischöfe ruhen. Ohne Bonifatius, so unsere Gruppenleiterin, hätte Fulda im Mittelalter niemals diese Bedeutung erreicht, wenngleich hier auch andere bedeutende Dinge geschahen, so wurde etwa das “Hildebrandslied”, eines der frühesten poetischen Textzeugnisse deutscher Sprache im 9. Jahrhundert in Fulda verfasst. Da war der Ort bereits 150 Jahre einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte in Mitteldeutschland.

1240 avancierte die Bischofsstadt zum geistlichen Fürstentum mit Besitzungen von Norditalien bis hinauf nach Friesland, dessen Einwohner, wie man sich denken kann, inzwischen missioniert waren und keine Bischöfe mehr erschlugen. - - Wir sind zurück im Altarraum und blicken hinauf zur Decke, wo Maria im Barocken Strahlenkranz gen Himmel auffährt, wo sie, flankiert von den Aposteln, von der Dreifaltigkeit empfangen wird. In der Kuppel in 58 Meter Höhe schwebt über unseren Häuptern der Heilige Geist und bei der den Altarraum begrenzenden Wandmalerei wird schon mal über den Rahmen hinaus getreten, wie der halb über die Traverse hervorstehende Fuß des Apostels Petrus belegt.

Hinter unserem Rücken erklingen die 5000 Orgelpfeifen der 1712 erbauten Sauer-Orgel, als wir, eine Abkürzung durch die Seitenpforte neben dem Sturmiusaltar wählend, hinüber zur Michaelskirche schlendern.

Barock trifft Mittelalter - die Michaelskirche

Wir treten aus der kleinen Pforte, gehen am ehemaligen Priesterseminar und den Klosterräumen vorbei, welche heute die Theologische Fakultät beherbergen und ersteigen einen Hang, um bei Erreichen der burgähnlich gemauerten Michaelskirche wiederum links durch eine schmale Pforte zu schlüpfen. Wir stehen in der ehemaligen Friedhofskapelle des Klosters. Michaelskirche Fulda Ihr Interieur ist karolingisch-romanisch, wobei die Wandgemälde wie auch das an die Dornenkrone Jesu gemahnende Zackenfries im Rundbau trotz Restaurierung nur unvollständig zu erkennen sind. Die Barockisierung der dem Erzengel Michael geweihten Kirche, so erklärt unsere Stadtführerin, hat sämtliche Bilder zerstört. 1938 wurde sie zurückgebaut und begegnet ihren Besuchern heute wieder mit dem Charme des 11. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Friedhofskirche war freilich jüngeren Datums, wurde aber um 900 bei einem Einfall der Ungarn niedergemacht. Nur die Krypta im kühlen Kellergewölbe mit der tragenden Säule Jesu in der Mitte, der bzw. die auch den Schlussstein des Gewölbes trug, entstammt noch der karolingischen Gründungszeit um 800, ebenso wie die Ritzzeichung einer Klageplatte in der Rochuskapelle - der Hauskapelle des Bischofs - , die zunächst wie ein Comic oder Wimmelbild anmutet und die Passion Jesu auf einem Bild vereint. Man entdeckt die Silberlinge, die sieben Stationen zum Kreuz, das Hemd und die Würfel, den Hahn, der Petrus zum Lügner machte und sogar die Handwaschung des Pilatus.

Während links neben dem Altar der Heilige Sebastian sein Martyrium erleidet, schreitet uns auf der linken Seite der heilige Rochus selbst entgegen, ein Pilger mit einem Hund zur Seite, der einen Laib Brot im Maul trägt. Als sein Herr sich bei der Heiligung von Pestkranken selbst infizierte, leckte dieser treue Begleiter ihm die Beulen aus und versorgte ihn mit Nahrung, bis er wieder zu Kräften kam. Während unsere Gruppenleiterin diese Geschichte erzählte, hatten wir kurz auf den Klappstühlen, die man zu einem Betstuhl aufklappen kann, platzgenommen. Nun folgen wir ihr, während sie berichtet, dass in der Michaelskirche auch heute noch im kleinen Kreis Taufen oder Hochzeiten durchgeführt werden, zum Ausgang, laufen vorbei am Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege, mit einem stilisierten Michael, an der Fassade der alten Friedhofskirche entlang, deren Mauerwerk mit umgedrehten Grabplatten des Klosterfriedhofs verstärkt wurde, überqueren die Pauluspromenade mit dem Paulustor und gelangen in den Schlossgarten.

Blütenpracht und Macht - Schlossgarten und Gemächer

Von Mauern und Gittern umschlossen, bildete der barocke Schlossgarten einen Teil des architektonischen Gesamtkonzeptes der Schlossanlage. Die Orangerie mit der berühmten Floravase, beherbergt heute das Hotel Maritim. In den gepflegten Rabatten sprießt Nützliches neben dem Farbenfrohen, Petersilie neben Blaukissen und Akelei, Tulpenbäume und Orangen aber auch ein paar mächtige Mischwaldbäume stehen hier, die man so in einem Garten, der vor einigen Jahren den Wettbewerb Schlossgarten Fulda“Blühendes Barock” gewann, gar nicht erwartet hätte. Sie wollen eher zu dem angeschlossenen englischen Garten passen und richtig, der Barockgarten wurde erst zur Bundesgartenschau 1994 wieder als solcher hergerichtet und nun, in seinem spezifischen Kontrast von englisch und barock - unsere Stadtführerin nennt den Stil “fuldisch” - Jahr ein, Jahr aus von vielen fleißigen Händen gepflegt.

Dem Praktischen neben dem Malerischen begegnet man auch im Schloss selbst, dessen zweite Etage im Augenblick renoviert wird. Das Haus ist nicht nur Museum, sondern auch und vor allem Sitz der Stadtverwaltung. Im ehemaligen Essensaal - auf dem Deckengemälde reicht Kriegsgott Mars der Gastgeberin galant ein Knobelinchen, eine gehaltvolle einheimische Wurstspezialität - werden regelmäßig Trauungen veranstaltet. Da sehen die Berliner Standesämter alt aus. Apropos: Der Schlossbau ist nicht typisch Barock. Die mittelalterliche Burganlage wurde im Renaissancestil erweitert und später Barock ausgebaut. Unsere Gruppenleiterin hat zu jedem Gemach, welches wir durchschreiten, eine kleine Anekdote auf Lager, macht uns auf die 420 Spiegel im Spiegelkabinett aufmerksam, berichtet, dass 1775 in Fulda die Spätlese erfunden wurde und erzählt, dass im Marmorsaal noch bis in die 80er Jahre das Oberlandesgericht tagte. In Glasvitrinen sind auf den Gängen die bekannten Sammlungen Fuldaer und Thüringer Porzellane zu bestaunen, wobei das Geschirr ebenso Bauchig-Barock daherkommt wie die auf zahlreichen Gemälden verewigten Fürstbischofe, welche diese Gemächer einst bewohnten. Ein Highlight steht noch aus: der herrliche Rundumblick über die Dächer der Kreisstadt vom Schlossturm aus. Bei schönem Wetter kann man von hier bis zur Rhön schauen.


An diesem Tag jedoch, haben sich am Himmel ein paar bedrohliche Gewitterwolken zusammengeballt und darum beeilen wir uns, durch die schmalen Handwerksgassen, vorbei an einer Wassermühle und dem Ausgangspunkt des hiesigen Barfußpfades des Kneipvereins Fulda zurück in die Jugendherberge zu kommen. Vielleicht bleibt ja morgen noch ein wenig Zeit zum Besuch der Fuldaer Auen- und Museumslandschaft. Besonders die Kinder-Akademie Fulda hat so einiges für den Entdeckergeist von Groß und Klein zu bieten, u.a. das “Begehbare Herz”, dass mit einer Grundfläche von über 30qm und einer Höhe von fünf Metern einzigartig in Europa ist.


Wie gesagt, Fulda ist ein Ort mit kurzen Wegen und einem großen Herz.


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