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Mit dem Gefühl den Ratio erreichen

Asisi Panorama im Pergamon Museum Berlin


Piktogramm www.asisi.deAm vergangenen Freitag (30.September 2011) wurden die Tore zu einer zukunftsweisenden Ausstellung auf der Berliner Museumsinsel geöffnet. Im international bekannten Pergamonmuseum, mit den Rekonstruktionen des Ischtar - Tores, des Marktores von Milet und eben des Pergamonaltar, findet bis zum 30. September 2012 erstmals seit Jahrzehnten wieder eine Pergamon-Ausstellung statt. Einzigartig wird die Ausstellung durch ein 360° Rundumbild des Panoramkünstlers Yadegar Asisi, für welches im Ehrenhof des Museums eine Rotunde errichtet wurde. Während der Eröffnungsveranstaltung würdigten der Künstler und verschiedene Vertreter des Museums das Projekt als zukunftsweisendes Beispiel der Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft und erfolgreicher Public Private Partnership. Visitatio gehörte zu den ersten Betrachtern des Panoramabildes und Besuchern der Ausstellung: Pergamon - Panorama der Antiken Metropole.

 

 

 

In diesen Tagen sucht @Museumsheld Sebastian Hartmann mit seinem Blog museumsreif.posterous.com das Museumserlebnis der Zukunft. Die Sozialen Netzwerke plaudern visionär über "Partizipation", "Echtzeit", "Schwarmwissen", "Bürgernähe" , "Zielgruppenorientiertheit"... Am vergangenen Freitag ERLEBTE ich, mit einige hundert anderen, umgesetzte Zukunftsvision von Museen, reiste dabei in die Vergangenheit und muss mit der Vergangenheit beginnen...

Ein kleiner Junge vor dem Pergamonaltar


Pergamon - ModellIrgendwann in den 60ger Jahren steht ein Zehnjähriger vor dem Modell einer antiken Stadt im weltberühmten Pergamonmuseum Berlin. Diese antike  Stadt, gedrängt an einen Hügel in der heutigen Türkei, lässt den Jungen nicht mehr los. Diese erste Begegnung mit dem Pergamonaltar und seiner Geschichte findet mit dem 25 Meter mal 100 Meter großen Rundumbild "Pergamon - Panorama der Antiken Metropole" im Ehrenhof des Pergamonmuseums Berlin ihren vorübergehenden Abschluss. Der Junge von einst, ist der Schöpfer des Kunstwerkes, der heute 56 jährige Yadegar Asisi. In seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung erwähnte er diese Episode und benennt sie als einen der drei Gründe, dass dieses monumentale Panoramabild heute zu sehen ist.

Sehenswürdigkeiten in Deutschlandwww.asisi.de
www.smb.museum

Mont Everest, Amazonien, Rom, Dresden ...


Yadegar AsisiJahre später als Architekt und Künstler bildet er Studenten aus, lehrt ihnen perspektivisches Gestalten und kehrt zurück zum Pergamonaltar, um hier mit ihnen zu zeichnen. Irgendwann in den 90gern dann, erfasst in der Virus der Panoramabilder. Schinkel hat diese Kunst genutzt, tausende Berliner sahen schon im 19. Jahrhundert, damals noch gemalte Panoramabilder. Asisi benutz nach anfänglichen Pinselarbeiten zunehmend den Computer als Werkzeug, schafft aus in die Jahre gekommenen Gasometern und seiner Fähigkeit Panoramen zu kreieren die PANOMETER von Leipzig und Dresden. Hunderttausende erklimmen durch seine Ideen den Mount Everest und durchstreifen den Regenwald im Amazonasgebiet (ohne umweltschädigende Rückstände dort zu hinterlassen). Mit seinen Rundbildern schafft er gigantische Momentaufnahmen vom Leben in der Antike (Rom CCCXII) und dem Leben in einer Barockstadt an der Elbe (1756 Dresden). Ursprünglich ungewollt, ist ihm heute klar, dass er Panoramakünstler geworden ist, und wohl als solcher sterben wird...

Sehenswürdigkeiten in DeutschlandStandorte der Asisi-Panoramen

Höhepunkt des Schaffens trotz einiger Widerstände


Asisi-Rotunde-im-Ehrenhof des Pergamon MuseumYadegar Asisi hat seinen Kunstraum gefunden, in dem er seine Visionen verwirklichen kann und damit sehr glücklich ist ("Auch wenn Sie es nicht sofort erkennen - vor Ihnen steht ein glücklicher Mensch"  - sagt er in seiner Eröffnungsrede). Mit dem Panormabild "Pergamon - Panorama der Antiken Metropole" ist ihm ein genialer Höhepunkt seines Schöpfertums gelungen. Gegen viele Widerstände gelang es ihm sein neuestes Panoramabild  Teil einer Pergamonausstellung werden zu lassen...Was ist da schon dabei, könnte man meinen, aber er greift mit der Rotunde, zumindest temporär, in das Stadtbild Berlins ein, darüber haben vorerst nicht nur Beamte mit dem Kopf neinsagend gewackelt, er stellt dieses Bild auf im Hof nicht irgendeines Vorortmuseums in der Provinz...das Pergamonmuseum hat Weltrang...ist es möglich mit einer Computergrafik die Wissenschaft zu begeistern...kann sie gar die Museumslandschaft in Bewegung setzen...

Es sei mir ein kleiner Einschub erlaubt...vor wenigen Jahren traf ich in Sachsen-Anhalt auf ein Gremium von Museumsdirektoren, Archäologen,   Kirchenbeauftragten und Tourismusfachleuten und wollte sie begeistern für eine begehbare 3D-Visualisierung der mittelalterlichen Burg Anhalt im Harz. Kalter Wind flog mir ins Gesicht und ich werde die Worte nie vergessen..."Unsere alten Burgen und Kirchen brauchen nicht ihre Computer!"

Dokumentrecherche, Gespräche und Studien in Bergama


Der Blick in TalMit den Verantwortlichen bei den Staatlichen Museen von Berlin findet Yadegar Asisi Partner, ja gemeinsame Gestalter. Das exzellente Wissen der Mitarbeiter des Pergamonmuseums, die einzigartige Sammlung von Aufzeichnungen und Originalen, die Dokumentenrecherche, hunderte Gespräche und der Besuch in Bergama dem einstigen Pergamon machten das Kunstwerk "Pergamon - Panorama der Antiken Metropole" erst in dieser wissenschaftlichen Präzision möglich. Die Zusammenarbeit mündete schließlich sogar im Auftrag für den Künstler, die Ausstellung an sich zu gestalten...spätestens hier war eine neue Dimension des künstlerischen Wirkens von Yadegar Asisi erreicht. Doch damit nicht genug! Bei klammen öffentlichen Kassen war klar, dass von den Staatliches Museen Berlins kein Geld für den Bau der Rotunde und die Produktion des Panoramabildes zu erwarten war. Asisi bekam als Unternehmer den nötigen Kredit für die Realisierung seines Kunstwerkes. Ein bemerkenswertes Beispiel für Public Private Partnership im Museumsbereich...

Der Aufstieg zum Glück


Amphitheater PergamonEndlich ist es soweit. Wir erklimmen den Treppenturm aus Containern mit der Aufschrift "Asisi" zur oberen der beiden Besucherplattformen. Es ist ein lauer Abend in Kleinasien..ein ruhiger melodiöser Soundteppich der uns umhüllt. Hier und da ist Hundegebell zu vernehmen. Wir treten an das Geländer und schauen auf den im Abendlicht schimmernden Pergamonaltar. Mit uns stehen dreißig oder vierzig Menschen auf der Plattform, die gerade im Treppenaufgang angeregt plauderten...hier oben herrscht Stille der Bewunderung. Manchmal  ist ein "Schau mal" oder "Hast du schon gesehen" zu vernehmen. Ich bekomme eine Gänsehaut, so unmittelbar fängt mich dieses Bild, dieses Kunstwerk. Ich habe wirklich das Gefühl tausende Jahre zurückversetzt zu sein...bis zu Perfektion ist die räumliche Darstellung gelungen...schaue ich nach unten sehe ich auf die Dächer der Häuser, gerade aus sehe ich die Berghänge, das Amphitheater, eine Baustelle, eine Menschenansammlung (angeregt diskutierend) an einer steinernen Brüstung, die Akropolis .... sehe ich nach oben die erblicke ich die Wolken...weiter fliehen die Blicke, Pergamonaltar in der Nachtsehen das gleißende Licht, im fernen Meer reflektiert sich das Sonnenlicht, die Musik nimmt Anlauf zu einem neuen dramaturgischen Höhepunkt...es wir Tag, mehr und mehr Details werden sichtbar, ohne aufgesetzt zu wirken, eine Möwe gleitet dahin, ich schaue von oben auf den Pergamonaltar...sein Relief hat hier im Bild einen farbigen Hintergrund...eine mutige Deutung....ich erfahre was hinter den Säulen des Altars einst zu sehen war (Blüten werden gerade zusammengefegt)...erweitere meinen Horizont, erlebe von hier oben die Geschichte...greifbar...greifbar nah...in Ort und Zeit und öffne meine Sinne für die Ausstellung im Museums...von Ecke zu Ecke der Besucherplattform wandeln sich die Perspektiven...trotz der vergleichsweise kleinen Fläche sehe, ja spüre ich Ferne und Nähe...eine nahezu perfekte Illusion...ein Jubelschrei weckt mich aus meiner technischen Hinterfragung, wie dies gelungen sei...nicht die Betrachter jubeln das Publikum im Theater war es ... ich verschmelze mit der Vergangenheit...Rauch steigt auf in dem tiefer gelegenen Teil der Stadt...ein Hippodrom und weitere Theater sind zu sehen...unzählige Häuser in der ferne ein Palast....die erste Runde liegt hinter mir...ich möchte mich nicht satt sehen...bleiben möchte ich...wo stehen die Liegestühle...es ist ein Ort ...und es ist nicht übertrieben...dessen Künstlichkeit verborgen bleibt...der einlädt zum verweilen...der märchenhaftes Glück mir in die Seele treibt...Irgendwann gewinnt die Vernunft...auch andere wollen es sehen...ich steige hinab....

Der Schatten des Meisters...


Schatten des Meisters...auch unten am Boden der Realitäten angelangt, werden wir noch nicht von dem Bild entlassen, erblicke auch hier beim Rundgang neue Details...Frösche, Katzen, diskutierende Menschen...manchmal wirken hier unten die Häuserwände perspektivisch verzerrt...wie könnte es anders sein...Ganz unaufdringlich hat sich der Meister an einer Stelle verewigt...als Schattenriss nur blickt er hinein in eine seiner Lieblingsszenen...ich würde meinen er will die Situation einfangen...festhalten...damit wir alle sie sehen können....
Aufgewühlt verlasse ich die Rotunde und spüre in mir ein außerordentliches Verlangen nun die Ausstellung zu sehen....

Der Schatten der Jahrhunderte


Antike Skulpturen...die umfangreiche Pergamonausstellung (auf 4000 Quadratmetern werden unzählige Fundstücke der Ausgrabungen von Pergamon präsentiert) verdient eine ausführlichere Betrachtung, als es ein solcher Beitrag leisten kann. Die farblich unterschiedlich gestalteten Themenbereiche der Ausstellung sind übersichtlich gegliedert. In den meisten der Räume gibt es dominierende Plastiken, Säulen, Büsten  ... welche als herausragender Blickfang dienen (Athena empfängt uns)...unglaublich, dass diese Skulpturen 2000 Jahre und älter sind, sie faszinieren in der Weichheit der Gesichter, deren Mimik, der ganzen Körpersprache, der filigrane Faltenwurf der Kleidung wirkt so lebendig, so echt, dass der Betrachter permanent das Verlangen hat das Unerlaubte zu tun und den "Stoff" oder das Accessoire zu berühren....beeindruckend ist welche Nähe zu diesen einmaligen Kunstwerken der Antike oder deren Gipskopien erlaubt wird...Sterbender Gallierbei den sterbenden Galliern wird diese Unmittelbarkeit des Erlebens ein Kampf der Berührung zu widerstehen...Licht und Schatten sind beeindruckender Teil des Ausstellungskonzeptes. Dieses Spiel von Hell und Dunkel verstärkt die Faszination der beeindruckenden künstlerischen Leistungen der Antike. Beleg dafür sind u.a. der kolosale Kopf des Herakles (gefunden am Südhang des Burgberges von Pergamon, wahrscheinlich von 200 v.Chr. ; Mamor) oder die Büste von Attalos I. Ebenso interessant ist es zu erleben wie ein scheinbarer Scherenschnitt in die Wand eine Skulptur vervollständigt oder wie mit Spiegeln die Unendlichkeit der Generationen veranschaulicht werden. Letzteres passiert in einem Raum in den mit Herakles von PergamonMarkern auf weißen Wänden die Stammbäume der Antike geschrieben wurden...die Schrift wird in der Höhe des Raumes immer unleserlicher und verschwindet in der Fortführung durch das Spiegelbild...an der Decke sieht sich der Betrachter auf dem Boden stehend und fühlt sich für den Moment als vorübereilendes Ende der antiken Stammbaumlinien...Faszinierend!
Kehrt der Besucher zurück in die Halle mit dem Pergamonaltar schließt sich der Kreis des Ausstellungserlebnisses, verweilt er gedankenversunken auf den Treppenstuffen des antiken Bauwerks und fügt  die Mosaiksteine der Ausstellung wieder zum lebendigen Panoramabildes von Yadegar Asisi zusammen...Wie sagte der Panoramakünstler in seinen Eröffnungsworten: Wenn wir das Gefühl nicht bekommen, bekommen wir nicht den Ratio! Da dies gelingt ERLEBT der Besucher eine faszinerende Ausstellung die ihn festhält und tief in ihn eindringt - ein Konzept welches für Jung und Alt Spielräume läst und umgesetzte Vision künftiger Museen ist. @museumsheld ich hab am Beispiel des Umgangs mit der Vergangenheit die Zukunft gesehen!

P.S. Keine Ahnung ob es den Ausstellungsmachern bewusst ist, aber auch Anhänger eines gewissen Erich Däniken kommen hier auf ihre Kosten...könnte das weibliche Idol eine Außerirdische sein ;-) ?
Kommentare (1)Add Comment
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Prima
geschrieben von QWoo, Oktober 07, 2011
Wow, der Bericht von der Aussichtsplattform gibt die Stimmung ausgezeichnet wieder! Danke!

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