Sonderausstellung im Jüdischen Museum Berlin
 In der Millionenstadt Berlin an einer wirklichen Premiere teilzunehmen, ist schon so etwas wie ein 6er im Lotto. Als erstes der twitternden Museen in Berlin, hat am vergangenen Sonnabend (17. September 2011) ausgerechnet das Haus mit der jüngsten Twittervita der Hauptstadt den Anfang gemacht und SocialMedia-Begeisterte in sein Haus eingeladen! Das Jüdische Museum Berlin, es feiert in diesen Tagen seinen 10. Geburtstag, lud ein in die aktuelle Sonnderausstellung "Heimatkunde - 30 Künstler blicken auf Deutschland"...
Alles fing am Sonnabend vor einer Woche via Twitter an! Der Museumsheld - Sebastian Hartmann aus Düsseldorf, ein begeisterter Evangelist für SocialMedia in der deutschen Museumslandschaft, schrieb : "Ich bin zwar nicht in B, aber dafür würd ich glatt hinjetten:

Schüttel dich Grüner schüttel Dich
So!
Schon sinken Träume
wie schwerer roter Wein
in mich.
Eldar Fabers ungerahmte geradezu rauh wirkenden Gemälde greifen den Wald noch einmal kurz auf...Ich stehe im deutschesten der deutschen Wälder...verliere mich für Momente in den letzten Urlaub und stehe im Fichtenwald des bayerischen Fichtelgebirges...
Das fremde Deutschland
Im gleichen Raum dominiert eine Großformatige Bilderserie das bildende Erlebnis Heimatkunde. Heimatkunde...war das nicht einst ein Unterrichtsfach...ich lernte von Blumen und Gräsern, von Flüssen und Bergen und das eine oder andere von der Geschichte der Heimat...von Juden hörte ich nichts...Benyamin Reich's Fotografien von Challe, Gartel, Tefillin Schel Jad...führen uns zurück ins Jüdische Museum Berlin...machen deutlich wie wichtig der Besuch dieses Hauses und seiner Dauerausstellung ist, für das Begreifen des bis dahin Unbegriffenen. Seine Bilder wirken befremdlich für den Nichtbesucher der Dauerausstellung, zeigen Elemente des Lebens orthodoxer Juden...ich kann mit dem Inhalt der Bilder etwas anfangen und bin froh aufgeklärter zu sein...vor einigen Monaten hörte ich im Radio, dass in Sachsen-Anhalt die größte Ausländerfeindlichkeit besteht, obwohl es das Land ist mit dem geringsten Ausländeranteil...sie hassen weil sie keinen Ausländer kennen...
Auf der Rückseite von Benyamin Reichs "Judaicum" ein fotografierter Abgrund. Es ist eine Art Fototagebuch des Künstlers Boris Mikhailov, Momentaufnahmen seines Lebens in der Ukraine, gekennzeichnet von Düsternis und Dumpfheit konterkariert er mit Aufnahmen im gleichen Format aus Deutschland und Westeuropa...die Aufnahmen versprechen nicht weniger Düsternis..."Was soll ein russischer Künstler im Westen tun?" - Die Ausstellung hat mich gefangen!
Hinter einem schwarzen Vorhang eine schwarzes Szenario...meine Russischkenntnisse erleichtern mir das Erlebnis der Videoinstalation von Clemens von Wedemeyer. Der Raum ist schwarz! Nur weniger bunt die Bilder seines Films...die Kamera dreht sich immerzu und zeigt Szenen vor dem deutschen Konsulat in Moskau...plötzlich werden wir Zeuge einer Ausweiskontrolle, ein Tasche soll unbedingt aufgehoben und mitgenommen werden...Menschen weichen uns aus ... haben nicht mit nichts zu tun...ANGST ergreift den Betrachter schnell verschwindet er aus diesem deprimierenden Panoptikum - Otjesd heißt zu deutsch "Weggang"...
Der Fortgang der Ausstellung...
...die Ausstellung "Heimatkunde - 30 Künstler auf Deutschland" lässt mich nicht los! Die Dirndelmosche - ein Dirndel entpuppt sich, aufgewickelt als islamischer Gebetsraum (Azra Aksamija), Andrea Büttners Fotografien setzen sich mit dem Verhältnis von Religion und Autobiographie auseinander, Julian Rosefeldt führt uns zurück in den Wald...ich folge einem Wolf durch eine einmalige Landschaft (außergewöhnliche Aufnahmen!)...ein Mann steht im prasselnden Regen mit einer Motorsäge im Wald, ein Berg wird immer wieder in künstlichen Nebel gehüllt..., Stereoskopisch betrachten wir in die 3D-projezierte Wohnung einer jüdischen Familie vor ihrer Flucht aus Deutschland in den 30er Jahren, ... , ein Reisekoffer greift die ewige Flucht, das ewiger Ankommen und ewige Versuchen des Wiederkehrens jüdischer Familiengenerationen auf - Arnold Dreyblatt öffnete diesen alten Koffer der Familie und zeigt 150 Dokumente des Lebens und Leidens seiner Familie...die auf Glas projizierten Papiere geben einen authentischen Einblick..visualisieren die Zeit des Nationalsatioalismus ebenso wie die Beobachtung durch die DDR - Staatssicherheit ... ein anwaltlicher Brief eines Gregor Gysi, ist nur eines der Dokumente...
Ich finde mich wieder im Warteraum eines deutschen Amtes. Rote Stühle...weiße Wände....Ansagen und Geräusche aus 37 Lautsprechern... ich bin die Nummer 4683...
Jüdischer Staat Thüringen, Stille Post und Stuttgart 21
"Das Leben, das Universum und der ganze Rest" - Anny und Sibel Öztürk greifen in die Bildkiste politischer Ereignisse von 1968 bis heute...Meine bewußte Lebenszeit in Bildern ... Beckenbauer, Honecker, Mao, Vietnamkrieg, Dalli Dalli, Gorbatschov, Bobbelle, Silke Bischoff, Kohl und Mitterrand, Willy Brandt's Kniefall...
... eine kleine Nische...eine Fahne, Bilder, ein Monitor, eine Landkarte, ein Schreibtisch, Plakate mit dem Link: www.medinatweimar.org ich stehe im Büro der Bewegung zur Gründung eines jüdischen Staates in Thüringen mit Weimar als Hauptstadt - Kunst ist Provokation ich fühle mich provoziert und verliere für den Moment die Gewissheit in einer Ausstellung zu sein...meine Hand berührt die perfekt gedruckte Landkarte des neuen Staates...ist das alles ein Traum?...
Einzigartig die "Stille Post" - On the Grapevine von Özlem Günyol. Wer liebt es nicht dieses Kindergeburtstagsspiel bei dem aus einem gesprochenen Satz über mehrere Stationen des Weitererzählens ein wunderbarer Kauderwelsch wird...Günyel treibt dieses Spiel auf die Spitze und lässt den Text pro Station simultan vom deutschen ins türkische und so weiter übersetzen und weiter erzählen...Faszinierend!
Ein Glaskasten setzt sich mit Friedrich Nietzsches These: "Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage 'was ist Deutschland' nie ausstirbt!" auseinander. Schwarz-rot-goldene Fahnen, Vita Cola, afri cola, ganz neu "Wostok" - dieses neue Kultgetränk mit Tannenaroma, das Foto eines jungen Mannes im Jogginganzug, der seinen DEUTSCHEN Schäferhund straff hält...der Hund trägt eine SS-Mütz auf dem Kopf und einen Davidstern am Halsband...Zeitungstitelseiten : Die BILD : "Wir sind Papst" Die TAZ: "oh Gott"...mit erstaunen stelle ich fest, dass "Atomkraft ? - Nein Danke" und "Stuttgart 21" auch Schwarz Rot Gold ist...
#heimatjmb - eine besuchenswerte "Heimatkunde"
Das letzte Kunstwerk habe ich nach etwas mehr als einer Stunde passiert...Passiert ist in dieser reichlichen Stunde einiges...Kunstausstellungen, zumal mit modernen Installationen sind definitiv besuchenswerter, als ich es bis vor dieser Stunde zu glauben vermochte...die Gedanken der Künstler hallen nach...noch in diesem Moment wo ich diese Zeilen schreibe produzieren sie Emotionen, nachklingende Gedanken...
Museumsheld! pack die Sachen und komm nach Berlin...bis zum 29. Januar 2012 bleibt Zeit diese Ausstellung im Jüdischen Museum zu erleben...Ich bin dann mit Dir noch einmal dabei!
Nicht nur den twitternden Museen darf ich empfehlen: Solche Events machen Sinn! Es kommen wirklich interessierte Besucher, sie sorgen für Aufmerksamkeit auf Facebook und Twitter, ein Hashtag - #heimatjmb tritt aus der virtuellen in die Realität, er schaft Kontakte und eine kräftige Anzahl interessanten Inhalts auf diversen Webseiten...ich komme gern auch zu EUCH!
Für alle Interessenten! Ich bereite ein Interview mit der Kuratorin der Ausstellung über "Heimatkunde" und den SocialMedia Event vor! Schickt mir bitte Eure Fragen viaTwitter mit dem #askacuratorlive an: www.twitter.com/visitatio
Links: www.jmberlin.de/heimatkunde
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Nochmal besten Dank und einen schönen Abend!