Till Eulenspiegel in Bernburg

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Till eulenspiegelIn letzter Zeit häufen sich diese sonderbaren Ereignisse. Ein Ort , den ich oft durchfahren habe, oder von dem ich gelesen und gehört habe, begegnet mir mit einer völlig anderen Facette. Bernburg, seit einger Zeit die Kreisstadt des Sachsen-Anhaltinischen Salzlandkreises, ist von allen Himmelsrichtungen weithin sichtbar. Der Rauch und die Schornsteine des Industrieparks Solvay Bernburg sind es, welche der alten Saalestadt ein etwas einseitiges Erscheinungsbild geben. Mein Interesse an den romanischen Bauten Sachsen-Anhalts überwog, und ich fuhr ohne Vorbehalte auf den Schlossberg, mit seinem ebenso weithin sichtbaren Bergfried, der mir einen "alten Bekannten" wieder in die Erinnerung brachte - Till Eulenspiegel.

Merkwürdig, das mir dieser Schalk, mit seiner Bernburger Episode, nicht aus Kindheitstagen in Erinnerung ist. Seinerzeit fuhr ich mit meiner Klasse in den Tierpark. Keine Ahnung, welche Tiere ich damals dort sah, eins weiß ich jedoch noch, wir fuhren auch mit der Parkeisenbahn (damals nannte man sie Pioniereisenbahn). Mit dieser Bahn kann man heute noch fahren und auch der Tierpark erwartet weiterhin seine Gäste. Fragend blicke ich in diese Zeit, warum unsere literatur- und geschichtsbeflissene Klassenlehrerin uns nicht auch auf den Schlossberg führte. Vielleicht war es der bauliche Zustand der historischer Bauten in dieser Zeit. Sicher ist heute noch lange nicht alles in Ordnung, aber ein Besuch des Schlosses mit seinem Museum und dem Till-Eulenspiegel-Turm ist auf jeden Fall empfehlenswert.

Schlosskirche St. Aegidien


St-Aegidien-KircheDem Autofahrer bieten sich genügend Parkmöglichkeiten in der Nähe des Schlosses. Auf dem Weg zum Schlossportal kommen wir an einem prächtigen Barockbau, der Schlosskirche "St. Aegidien" vorbei. In der Gruft der Kirche wurden von 1603 bis 1863 die Fürsten und Herzöge von Anhalt-Bernburg bestattet. Das diese Kirche viel älter ist zeigt die romanische Apsis mit den typischen Rundbogenfenstern. Noch zwei Kurven, vorbei am historischem Marstall, und durch das Sandsteinportal erreichen wir den Schlosshof. Da sitzt in einem geschwungenen Dachfenster, in gelb-schwarzem Kostüm eine Till-Eulenspiegel-Puppe mit dieser lustigen Narrenmütze. Was macht der den hier? Ich erinner mich an seine Seilakrobatik , die mit einem Fall ins Wasser der Saale endete, oder an diese Geschichte mit dem Bratenduft und den Klingenden Müntzen, die der Schauspieler Winfried Glatzeder 1974 im Till Eulenspiegel so komödiantisch in Szene setzte, das ich sie nicht vergessen konnte. Aber was hat der Till mit Bernburg zu tun?
Das Museum , mit seinen 70 Folterinstrumenten im Keller, lockt am Eingang ebenfalls mit dem Volksnarren des 14. Jahrhundert. EulenspiegelturmFür 1 Euro kann der Eulenspiegelturm besucht und erklettert werden. Der 42 Meter hohe, recht geneigte Bergfried verbiergt unter seiner Renaissancedachhaube ein deutlich höheres Alter. Bereits im 12. Jahrhundert errichtet, ist er der letzte bestehende Teil der romanischen Burganlage, als solches Teil der "Straße der Romanik". Über eine Seitentür, im leider noch baulich traurig erscheinenden Viktor-Amadeus-Bau gelingen wir in den Turm. Auf einer Texttafel erfahren wir, aus der 21. Episode der Geschichte des Till Eulenspiegel , dass Till in diesem Turm vom Grafen von Anhalt als Turmwächter angestellt war, um des Grafen Gefolgschaft vor drohender Gefahr anziehender Feinde zu warnen. Als ihn der Graf vergaß mit Speis und Trank zu versorgen, zog es der Schelm vor, seine Warnungen ein wenig zu fälschen. Da warnte er  vor den eigenen Leuten, und sah weg, als die Feinde das Vieh stahlen. Als er den Grafen auf falsche Fährte führte, schlug Till sich den Bauch voll und besorgte sich so, auf seine Weise, seinen gerechten Lohn.

Der Eulenspiegelturm


Über zwei Etagen geht es nun über eine Wendeltreppe mit recht ausgetretenen Holzstufen.  Dann gelangen wir in den neuerrichteten Übergang Till Eulenspiegelzum Berfried. Bis dahin erscheinen die Warnungen "Betreten des Turms auf eigene Gefahr" unklar. Jetzt  führen extrem steile Steinstufen hinauf, nicht mehr als zehn, dann macht der Aufstieg einen harten Rechtsknick direkt in das drei Meter dicke Mauerwerk. Auch hier steile, aber viel schmalere Stufen. Das letzte Stück bis ins Türmerstübchen geht über eine Holzstiege. Von oben ist schon die Stimme von "Till Eulenspiegel" zu hören. Ein Teil des kreisrunden Raums ist einer lebensgroßen beweglichen Nachbildung von Till Eulenspiegel vorbehalten. Hinter einem stählernen Spinnennetz erzählt er seine Bernburger Geschichten, in der für diesen Ort typischer Mundart. Aus den Fenstern haben wir heute bei klarem Wetter eine wundervolle Aussicht über das Saaletal. In westlicher Richtung ist das Harzvorland zu sehen. Am Horizont ahnt man im Dunst den Brocken. Etwas klarer zeichnet sich der Bullenstedter Brocken bei Güsten ab. Ein weiterer Bernburger Aussichtsturm, der Kesslerturm ist ebenso gut zu erkennen wie die Kirchen der Bernburger Talstadt - die St. Marien Kirche, die St. Nicolai Kirche. Die romanische Dorfkirche St. Stephani in Bernburg-Waldau, die auch zu den Bauwerken der "Straße der Romanik" zählt ist von hier nleider nicht zu sehen. Wo waren wohl die Felder mit den Rindern, die Till von diesem Dachboden aus sah? Da erblicke ich wieder den Rauch des nahen Chemiewerkes und erinnere mich, dass einige hundert Jahre seit dem vergangen sind...
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