 Wie oft waren eigentlich diese
Postwertzeichen von Sehenswürdigkeiten mit der 20 auf Briefen oder Paketen? Ein Gebäude
mit zwei kleinen runden Treppenhäusern, einem recht hohen Giebeldach
und asymmetrisch angeordnetem Glockentürmchen, schimmerte grün-weiß
von diesem Standartwert aus den sechziger Jahren, wanderte so in alle
Ecken der Welt, um dieses einzig erhaltene Gebäude aus der Zeit der
Karolinger in Deutschland zu präsentieren. Die „Königshalle“ und das Kloster in
Lorsch , einem malerischen Ort zwischen der Domstadt Worms und
Heppenheim an der Bergstraße gelegen, Station der Nibelungen- und Siegfriedstraße , ist wegen seiner
kulturhistorischen Einzigartigkeit und als Ursprungsort des Lorscher
Evangilar und des Lorscher Arzneibuches 1991 in Liste des
UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden.
Ein Besuch dieses
Baudenkmals und dem dazugehörenden Museum lohnt auf jeden Fall.
Vielleicht machen Sie ja auch mal Pause auf dem Weg nach Süden...
3D - Modell Kloster-Lorsch laden
Die Königshalle
Die Mittagssonne brennt ungebremst auf
Straße und Karossen, selbst die Klimaanlage will nicht mehr für
angenehme Frische sorgen. Die Getränkevorräte sind zur Neige
gegangen. Ich muss runter von der Autobahn...Pause machen auf dem Weg
nach Süden. Die Abfahrt von der A5 kommt gerade im rechten
Augenblick. Direkt nach dem Verlassen der Schnellstraße weisen
Wegweiser zum in der Innenstadt gelegenen Kloster. Eigentlich will
ich doch nur kurz Pause machen. Der Wegweiser und eine
Briefmarkenerinnerung aus der Kindheit lotsen mein Auto dann doch auf
den großen Parkplatz am Rande der Innenstadt. Das Gras am Wegesrand
hat seine Spannkraft verloren, müde und schlapp durstet es nach
Erfrischung. Für einen Moment denke ich, „was soll mir dieses
Kloster doch...“. Auch ich muss unbedingt etwas trinken. Nach einer
kleinen Biegung liegt die Ortsmitte vor mir. Da, vor dem wunderschönen
Fachwerkrathaus, sitzen in Biergärten, im Schatten der Sonnenschirme,
Erfrischungsuchende. Ein Blick nach links lenkt mich ab. Eine Gruppe
japanischer Touristen fotografiert sich gegenseitig vor der Kulisse
eines sehr alten Gebäudes mit einem zierlichen Türmlein auf dem
Dach. Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Klar das ist doch die 20
Pfennig-Briefmarke. Aber diesmal in Echt! Die Neugier wird größer
als der Durst. Das Klostergelände kann kostenlos betreten werden,
eine hervorhebenswerte Tatsache. Ich eile an den Touristen vorbei und
stehe vor der Königshalle des ehemaligen Klosters Lorsch. Die
Blütezeit dieser Anlage währte 500 Jahre – nochmal 500 Jahre, von
heute 500 Jahre zurück wusste noch niemand etwas von Luther gerade
mal seine Familie, der dreißigjährige Krieg, Goethe, Schiller, die
Napolionische Zeit, die Industriealisierung, das Jahrhundert der
Weltkriege, was für ein Zeitraum... Vom 8. bis ins 13. Jahrhundert
war dieses Kloster kulturelles, geistiges und machtpolitisches
Zentrum einflussreicher Mönche, die bereits Ende des 8. Jahrhunderts
starke Beziehungen zum direkten Umfeld Kaiser Karl des Großen
hatten. Vorerst als adliges Eigenkloster gegründet übertrug es
schon kurz nach der Gründung der vorstehende Abt Gundeland an Kaiser
Karl den Großen, um Streitigkeiten mit verschiedenen Gruppen einen
Riegel vorzuschieben und das Kloster unter den Schutz des Kaisers zu
stellen. Als 774 die Klosterkirche fertiggestellt ist, lädt
Gundeland den Kaiser zur Kirchweihe nach Lorsch ein. Von dieser Zeit
ist Karl offenbar häufiger hier. Ob die Kaiserhalle in direktem
Bezug steht ist ungewiss, allein die Pracht des Baus ist dafür kein
Beleg. Mit seinen drei runden Torbögen erinnert das Bauwerk an
einen Triumphbogen. Bei dem zweifarbigen Mauerwerk, welches erst
gewöhnlich vermauert ist, nehmen die Wände dem Dachgiebel zu, immer
ungewöhnlichere Form an. Erst diagonal gesetzt, haben die
vorzeitigen Handwerksmeister dann sogar sechseckige rote Steine
verwendet, immer im Wechsel mit weißen Dreiecksteinen. Die einzelnen
Bereiche sind untergliedert von Sandsteinfriesen und -säulen.
Geradezu schlicht wirken dagegen die beiden natursteinernen halbrunden
Treppenhäuser. Auf dem Dach sitzt das zierliche Glockengeläut.
Während sich die nächste Reisegruppe in den einen Treppenturm
windet, öffnet sich die Tür des anderen Turms, und der nächste
Schwung Touristen kommt ins Freie, rasch die Sonnenbrillen wieder vor
die Augen schiebend. Die Frauen schien es gefröstelt zu haben. Die
Sonne hier draußen überredet sie, sich die leichten Sommerjacken
wieder auszuziehen.
Die Klosterkirche
Wie einst Kaiser Karl durchschreite
ich die Torhalle, um mir den Rest der alten Klosterkirche anzusehen.
In ihrer ganzen Pracht war sie Stein gehauenes Machtdokument, der
weiteren Entwicklung des Klosters. Der Enkel Karl des Großen, Ludwig
der Deutsche, bestimmt die Kirche zum Grabgelege seines Geschlechtes.
Durch Schenkungen gelingt es den Äbten Ländereien von der Nordsee
bis in die Schweiz zu erhalten. Waren es anfangs die Benediktiner
folgte ihnen ab 1232 , das Kloster wurde dem Erzbistum Mainz
unterstellt, die Zisterzienser, die allerdings nur kurz das Leben der
heiligen Hallen bestimmten. Danach kamen dann die Prämonstratenser
an die Reihe, die das Kloster bis 1564 leiteten. Zu dieser Zeit hatte
die Reformation die Kurpfalz erreicht. Die Klosterkirche wird
aufgehoben und in den folgenden Jahrzehnten als Steinbruch genutzt.
Einzig das Mittelschiff der Vorkirche hat die Jahrhunderte
überstanden. An den Giebelseiten gestützt, sind die Seitenwände
noch original erhalten. Die Rundbögen allerdings, sind zugemauert und
bilden so einen Raum, in dem die Besucher Fundstücke der
archäologischen Grabungen im weiten Klostergelände ansehen können.
Aus dem Schatten der Halle trete ich wieder ins Licht. Eine
Buchsbaumhecke markiert die Fundamente des einst riesigen
Kirchenbaues. Etwas abseits finde ich die Klostergärten, welche
wiederbelebt den Gewürz- und Arzneipflanzenanteil am autarken
Konzeptes der Klosters veranschaulichen.
Ich wende mich wieder
der Kaiserhalle zu diesmal reihe ich mich ein in den Fluss einer
Reisegruppe und wendele mich die Treppe hinauf. Beim Betreten des
Saales bekomme ich eine Gänsehaut. Nicht die angenehme Kühle ist
der Grund. Die Wirkung des Raumes ist es mit seinen Wandmalereien und
Fresken. Für einen Moment verharre ich in diesem Zeitdokument und
habe das Gefühl, dass mit rasanter Geschwindigkeit die Jahrhunderte
durch meinen Körper rasen. Ich erwache aus diesem Traum der
Geschichte und denke daran, dass ich doch eigentlich nur etwas
trinken wollte. Es wird Zeit zum Auto zurückzukehren.
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