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Ein Ausflug zur Gedenkstätte Buchenwald

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Geschrieben von Anja Wellenreich   
Artikelinhalt
Ein Ausflug zur Gedenkstätte Buchenwald
Ettersberg
Mahnmal und Glockenturm
Von Buchenwald nach Weimar
Der Geist von Weimar

„Über allen Gipfeln ist Ruh“

Als sich Anfang Februar 1919 die Nationalversammlung im Saal des Weimarer Nationaltheaters, vor dessen Eingang seit 1857 dass Goethe-Schiller-Denkmahl stand, zusammenfand um die Verfassung der ersten deutschen Republik zu schreiben, berief sich der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert auf dieses kulturelle Erbe, indem er erklärte, jetzt endlich müsse der Geist der großen Philosophen und Dichter wiederum unser Leben erfüllen. Spätestens seit diesem Tag spukt, der Geist von Weimar durch die Geschichte. Aber welcher Geist von Weimar ist das? Weimar, Symbol der deutschen Klassik, die Stadt der Dichter und Denker, der Inbegriff des deutschen Humanismus ist auch der Ort, in dem die Nationalsozialisten zum ersten Mal von der großen Mehrheit der Bevölkerung in den Stadtrat gewählt, wo die Hitlerjugend aus der Taufe gehoben wurde. Weimar zur Zeit des Nationalsozialismus, das heißt auch nach Buchenwald fragen, nach dem Nebeneinander von deutschem Parnaß und brutalem Terror.
Ein Besuch der Gedenkstätte des Kzs Buchenwald wird Ihnen verständlich machen, was Richard Alewyn meinte, als er nach seiner Rückkehr aus dem Exil schrieb: „Zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald.“

Auf den Spuren der Blutstraße

André hasste Wandertage. Er hatte sie schon immer gehasst; die Kommentare seiner dauerpubertierenden Mitgymnasiasten genauso  wie die Ansprachen seiner über engagierten Geschichtslehrerin. Bewaffnet mit Kopfhörern und einem Rucksack voller Bücher hatte er sich auf einen der Einzelplätze am Einstieg des ICs zurückgezogen und las in dem neuen Werk von Merseburger: “Weimar zwischen Geist und Macht”. Der Zug würde ihn und seine Klasse nach Buchenwald bringen und er hatte sich geschworen sich den Eindruck dieses Ortes von niemandem kaputt machen zu lassen. Über den Namen dieses Lagers, zu dessen Errichtung der SS-Reichsführer Himmler durch Vermittlung des Generalinspekteurs der Konzentrationslager und Führer der SS-Totenkopfverbände Theodor Eicke Anfang Juni 1936 sein Einverständnis gab und mit dessen Bau im Juli 1937 begonnen wurde, konnte man sich lange nicht einig werden. Gegen die erste amtliche Benennung, legte der nationalsozialistische Kulturbund von Weimar Beschwerde ein, denn der Name Ettersberg sei eng verbunden mit Goethes Leben und Werk und dessen Verleihung an ein Umerziehungslager, wo sich der Abschaum der Menschheit versammeln werde, könne nur die Erinnerung an den Dichter beschmutzen. Um einem finanziellen Nachteil für die SS-Garnison vorzubeugen, den eine Benennung des Lagers nach dem nächsten Dorf Hottelstedt nach sich gezogen hätte, entschied der SS-Reichsführer, pünktlich einen Monat vor Goethes 188sten Geburtstag, am 28. Juli 1937, dass das Lager K.L. Buchenwald/ Weimar heißen sollte. Im stetig tristen Grau des frühen Nachmittags erreichten sie den Bahnhof. Der Weg von Halle-Saale war nicht weit gewesen. Der Bus Nr.6 würde ihnen den Weg erleichtern, den bis 1945 eine Viertelmillionen Menschen Buchenwaldgegangen waren und den man Blutstraße nannte, weil viele bereits den Weg bis zur Kuppe des Ettersberges nicht schafften. “Hier fühlt man sich groß und frei, hatte Goethe, Eckermanns Angaben zufolge, 110 Jahre zuvor, bei einem Spaziergang auf diesen Berg am 26. September 1827 geäußert. Mit ihm traf sich die ganze intellektuelle Elite von Weimar gern auf dem Hügel, um die Ruhe und die frische Luft zu genießen. Im nur 70 Kilometer entfernten Ilmenau hatte Goethe an einem lauen Augustabend des Jahres 1780 an die Bretterwand eines Jagdhäuschens auf dem Kickelhahn “Wanderers Nachtlied” geschrieben:Über allen Gipfeln/ Ist Ruh,/ In allen Wipfeln/ Spürest du/ Kaum einen Hauch;/ Die Vögelein schweigen im Walde./ Warte nur, balde/ Ruhest du auch.” In seinem 1986 erschienenen Roman “Der Weiße Berg” berichtet Jorge Semprún, wie sein Alter ego Juan, gleich nach seiner Rückkehr aus dem Lager, ein Fenster seiner Pariser Wohnung geöffnet und “ein wirres Piepen von Vögeln mit den Trillern, den Schnörkeln, dem scharfen Schrillen ihres Gesanges das Zimmer durchflutet” habe. Er war davon wie betäubt gewesen. Zwei Jahre war es her, das wurde ihm in diesem Augenblick bewusst, dass er keinen Vogel mehr gehört hatte. “Keinen einzigen Vogel im Buchenwald, der das Lager umgab, seltsamerweise: der Rauch vertrieb sie, zweifellos.”


 
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