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Humboldts Lebensabend im jüdischen Viertel
Auch
hier wies eine Gedenktafel auf den berühmten Bewohner hin: „Hier
wohnte von 1843 bis zu seinem Ende Alexander von Humboldt.“ Ein
Irrtum. Die von der Familie Mendelsohn gestiftete Gedenktafel im
 Innenhof kennt sich besser mit den historischen Fakten aus: „In
diesem Hause wohnte Alexander von Humboldt vom Jahre 1842 bis zu
seinem Dahinscheiden am 06. Mai 1859.“ In dieser Zeit arbeitete er
fieberhaft und unermüdlich an seinem Kosmos, der unter seinen
Händen bald ebenso unendlich zu werden drohte wie sein reales
Pandan. In dem kleinen Haus stapelten sich Briefe, Bücher und
Besucher. Dem über 70jährigen Humboldt, der sich selbst als
„lebendes Fossil“ bezeichnete, blieb nichts anderes übrig
als Nachts zu schreiben, weil es tagsüber bei ihm zuging „wie
in einem Brandweinladen“. Und nicht nur einen Berg von
Korrespondenz und Manuskripte häufte der geschäftige
„Jugendgreis“ an, sondern auch einen ansehnlichen Haufen
Schulden.
Bereits
im Frühjahr 1844 drohte ihm die Kündigung, weil er die
Miete nicht aufbringen konnte, da kaufte der Bankier Joseph
Mendelsohn das Haus in der Oranienburger Straße, um dem
berühmten Gelehrten einen weiteren Wohnungswechsel zu ersparen.
Noch kurz vor seinem Tode erinnerte sich Humboldt in einem Brief an
Alexander Mendelsohn: „Ihr teurer Vater hat mit verheimlichender
Zartheit des Gefühls Haus und Garten akquiriert, um mir Ruhe zur
Arbeit zu gewähren.“ Und er arbeitete wirklich unablässig:
1847 erschien der zweite, 1850 der dritte, 1858 der vierte Band des
Kosmos und noch immer war kein Ende in Sicht.
Humboldt
trieb seinen Verleger Cotta zur Eile. „Die Toten reiten schnell!“
Man habe keine Zeit zu verlieren. Trotz der Anstrengung jedoch und
dem Optimismus den fünften Band noch vor der Jahreswende 1859/60
fertig zustellen, blieb der letzte Abschnitt des Kosmos Rudiment.
„Der Tod [nahm ihm] den Griffel aus den Händen“, wenige Tage
nachdem er zum letzten Mal einige Seiten des Manuskripts an seinen
Verleger geschickt hatte. Alexander von Humboldt starb um die
Mittagszeit des 06. Mai 1859. Schenkt man einer Legende glauben, so
fand man, nach dem Wegräumen der Manuskripte und Bücherberge,
auf der Platte des verwaisten Schreibtisches die Worte aus Genesis 2:
„also ward vollendet Himmel und Erde“.
Ein weiter Ausblick bis zum Familienschloss Tegel
Der
Spaziergänger seufzte. Dies alles wurde ihm an diesem Ort doch
sehr lebendig. Unversehens warf er einen Blick auf seine Uhr. Es war
Mittag geworden. Er hatte noch genug Zeit in eines der vielen
Restaurants auf der Oranienburger Straße einzukehren und den
ersten Abschnitt dieses erlebnisreichen Tages bei einem guten
Mittagessen zu verdauen. Anschließend würde er am
S-Bahnhof Oranienburger Straße in die unterirdische S-Bahn
steigen und eine Station zur Friedrichstraße fahren, wo keine
Gedenktafel daran erinnern würde, dass Humboldt dort, in der
damaligen Friedrichstraße 140, nach seiner Rückkehr von
Südamerika und vor seiner Umsiedlung nach Paris ein knappes Jahr
gewohnt hatte. Hier würde er dann die U6 besteigen und bis zur
Endstation Alt-Tegel fahren, um im „Schloss Langeweil“ 15 Uhr
oder 16 Uhr an einer jener Führung durch das Humboldtmuseum
teilzunehmen, die nur an Sommermontagen angeboten werden, um dann im
Schlosspark an Humboldts Grab seinen heutigen Tagesausflug zu
beschließen. Aber das war eine andere Geschichte.
Bildnachweis-Luftbild: www.euroluftbild.de

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