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Sachsen-Anhalt

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Kommt nach Lutherstadt-Wittenberg!

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Geschrieben von Anja Wellenreich   
Artikelinhalt
Kommt nach Lutherstadt-Wittenberg!
Elstertor
Lutherhaus
Melanchtonhaus
Stadtkirche
Schlosskirche

Vom Bahnhof zum Elstertor

“Und ich dachte immer der wäre schwarz!” Es fehlte nicht viel und Prof. Faust hätte der blonden Studentin mit den penetrant pinken Kaugummiblasen und den unschuldigen Kuhaugen bei diesem Kommentar den Ausstellungskatalog der Luthergedenkstätten aus den Händen gerissen und um die Ohren gehauen. Doch Wegner, seine eilfertige studentische Hilfskraft, sah den Strahl der Mordlust noch rechtzeitig in den Augen seines Arbeitgebers aufblitzen, griff sich den Bildband mit dem Hinweis, dass sie jetzt aussteigen müssten und ließ ihn in seiner Umhängetasche verschwinden. Die Exkursionsgruppe ergoss sich aus dem Regionalexpress auf den Wittenberger Bahnhof. Es war kalt an diesem Donnerstag im Dezember. Der Professor hatte lange Unterhosen angezogen und seine Worte inzwischen wiedergefunden: “Zunächst einmal, verehrte Damen und Herren, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich jeden unter Ihnen, der in Zukunft den Reformator Luther mit dem Bürgerrechtler Luther-King verwechselt persönlich exmatrikulieren und jeglichen Versuch einer erneuten Einschreibung in ein Geisteswissenschaftliches Fach deutschlandweit vereiteln werde. Und dann möchte ich Sie ganz herzlich in Wittenberg begrüßen. Sie werden wahrscheinlich das Bild eines Mexikaners auf einem Fahrrad betrachtet aus der Vogelperspektive kennen. So müssen Sie sich den Grundriss dieser Stadt vorstellen: ein von einer Geraden in zwei Hälften geschnittener Kreis. Die Gerade, das ist die Hauptstraße. Wir nähren uns von unten, dem ehemaligen Elstertor, laufen einmal mitten durch und haben, wenn wir am anderen Ende des Kreises an der Schlosskirche ankommen alles gesehen. Man kann sich hier also kaum verlaufen. Nun folgen Sie mir bitte!”

Gedenkstein ElstertorDer kleine Trupp setzte sich in Bewegung, wandte sich vor dem Bahnhof nach links und gelangte, kaum fünf Minuten später, an eine Straßenkreuzung. “Dies hier, meine Damen und Herren, ist der Ort, an welchem sich vor 500 Jahren das Elstertor erhob und wo Luther 1521 die Bannbulle des Papstes, die ihn zum Ketzer erklärte und den Kirchenbann über ihn verhängte verbrannte, nebst dem kanonischen Recht und einigen Schriften seiner Gegner, nachdem er erfahren hatte, dass man auf päpstlichen Wunsch in den Niederlanden damit begonnen habe seine reformatorischen Werke auf den Scheiterhaufen zu werfen. Wenig später wurde er nach Worms auf den ersten Reichstag des gerade gewählten Kaisers Karl V. gerufen. Zum Widerruf seiner Lehre aufgefordert, soll er dort die weltbekannten Worte: “Hier stehe ich, ich kann nicht anders!” gesprochen haben. Nicht etwa: I have a dream,” fügte Prof. Faust mit einem Seitenblick auf jene Studentin von vorhin hinzu, die beschämt ihre Kuhaugen niederschlug. Dann wies er auf die neben einer Gedenktafel aufragende Eiche. “Dieser Baum hier heißt zwar Luthereiche, wurde aber ebenso wenig von ihrem Namensgeber hierhin gepflanzt wie die Goetheeiche in Weimar, sondern ist ein Überbleibsel des 19. Jahrhunderts und vegetiert ein wenig mickrig vor sich hin, seit in den 80er Jahren ein Anschlag auf sie verübt wurde. Der Täter, der dem Stamm und der Rinde einen gefährlichen Schaden zufügte wurde nie überführt. Die Wittenberger vermuten aber einen katholischen Fanatiker hinter dieser Aktion ... Wegner, der letzte Satz war übrigens ein Scherz und gehört nicht ins Exkursionsprotokoll.”


 
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