Kommt nach Lutherstadt-Wittenberg! |
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Geschrieben von Anja Wellenreich
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Schlosskirche oder Weihnachtsmarkt
Es
schlug 16:00 Uhr, als sich die Einzelgrüppchen wieder zu einer
Exkursionstruppe vereinigt hatten. “Die Rathausuhr geht falsch,”
versicherte Prof. Faust, “wir haben noch 2 Minuten bis zur
Schlosskirche.” “Das schaffen wir nicht, Herr Professor! Sehen
Sie doch, auf dem Marktplatz ist Weinachtsmarkt.” Tatsächlich
schlug ihnen ein warmer Hauch von Glühwein, Zimt und gebrannten
Mandeln entgegen. Den ausgehungerten Exkursionsteilnehmern lief
hörbar das Wasser im Mund zusammen. “Humbug!”, ereiferte sich
Faust, besonders als er gewahr wurde, dass die Reformatorendenkmäler
auf dem Vorplatz des Wittenberger Rathauses durch einen Tannenbaum
und eine riesige Holzpyramide aus dem Erzgebirge völlig verdeckt
wurden und damit zwangsläufig als Tagesordnungspunkt ausschieden.
Eine Zigarettenlänge später hatten sie sich durch das Gewühl
vergnügter Wittenberger gekämpft und waren, versorgt mit Punsch und
kandierten Äpfeln, die sie sich aber hüteten ihrem Professor unter
die Augen kommen zu lassen, vor der pünktlich verschlossenen
Schlosskirche angelangt. So informierte Faust seine Studenten also
vis-á-vis zur umzäunten Thesentür über die Zerstörung des
Schlosses und der Kirche in den Jahren 1760 und 1814 und über den
Wiederaufbau der letzteren im Zeichen des Historismus als
Reformationsdenkmal. Auch Wegner war wieder guter Dinge, er ließ
seinen Blick hinauf zu dem mit Mosaiksteinen gestalteten Spruchband
unterhalb der neugotischen Turmhaube des Kirchturms schweifen: “Ein
feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.” Und er summte dieses Kampflied Luthers noch, als sie im Schein der Straßenlaternen
den Weg zurück zum Bahnhof einschlugen. Der Zug zurück nach Berlin
fuhr alle zwei Stunden. Es wurde Zeit.

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