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Thüringen

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Weimar - Ein Klassiker unter den Klassikern

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Geschrieben von Anja Wellenreich   
Artikelinhalt
Weimar - Ein Klassiker unter den Klassikern
Schillerhaus Weimar
Die Amalienbibliothek
Der Frauenplan
 

Frauenplan und Fürstengruft


Über die Puschkinallee kehrt er endlich in die Innenstadt zurück und gelangt auf den Frauenplan. „Salve! Sei gegrüßt!“ ruft ihm die Türschwelle zum Wohnhaus des alternden Goethe
in der Datenbank entgegen, das in Architektur und Dekor die geistige Welt des ehemaligen Hausherrn widerspiegelt, dessen ästhetisches Ideal der Wiedergewinnung der Antike aus dem Geist des Klassizismus galt. In der Schreibstube, wo er bis zu 3 Sekretären gleichzeitig diktiert haben soll und dem kleinen Schlafzimmer mit dem Sessel, in dem der greise Dichterfürst die letzten Nächte seines Lebens verbrachte, sind durch die Weinranken des Gartens so verdüstert, das der Reisende sich nicht wundert, wenn der alte Geheimrat in seiner Todesminute tatsächlich nach „mehr Licht“ verlangt hätte.

Im Nebenhaus lohnt sich ein Besuch der Dauerausstellung „Weimarer Klassik“, deren reichhaltige Sammlung gleichzeitig fasziniert und ermüdet. Goethehaus WeimarDer Reisende durchschreitet die Räume mit einem Gefühl amüsiert reflektierter Erhabenheit, betrachtet das meiste nur flüchtig, bestaunt aber Herausragendes mit echter Ehrfurcht und ist, als er im Souvenirshop anlangt, so harmonisch gestimmt, dass er beinahe eine Nachbildung der goethischen Granitkugel kauft, letztendlich jedoch nur zu einem Ginkotee greift. Das zwiespältige Blatt erinnert ihn an seine Verabredung mit dem Klassikerpaar in der Fürstengruft. „Ist es ein lebendig Wesen das sich in sich selbst getrennt?/ Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt?“ Er folgt der Anna-Amalia-Straße vom Frauenplan aus zum Friedhof. Unter dem Schinkel‘schen Sternenhimmel stehen in der unteren Etage die Särge der beiden Dichter. Fürstengruft WeimarObwohl eine DNA-Analyse im Frühjahr diesen Jahres eindeutig ergab, dass in dem linken der beiden Särge nicht Schiller, sondern die zusammengewürfelten Gebeine zweier Minister liegen, kann der Reisende sich des Eindrucks der edlen Einfalt und stillen Größe, der von den Sarkophagen zu ihm herüberschwappt, nur schwerlich rational zu bemeistern. Einen Augenblick vermögen auch die aufeinandergestapelten fürstlichen Kindersärge in der Rotunde seine Aufmerksamkeit zu fesseln, dann verlässt er nach einem Blick in die orthodoxe Kirche den Friedhof und eilt durch die Innenstadt zurück zum Bahnhof. Es ist spät geworden.


In einem kleinen Laden zur Rechten des Nationaltheaters kauft er sich eine Thüringer Rostbratwurst und wählt sich unter den über 100 angebotenen Senfsorten, passend zu seinem Tagesprogramm einen Goethe- und einen Schillersenf aus. Schiller entpuppt sich als derart scharf, dass es dem Reisenden die Tränen in die Augen treibt, als er über den Goetheplatz, ein Stück auf dem Graben entlang und dann nach links in die Kleine Kirchgasse hin zum Jakobsfriedhof biegt. Goethes Senf erscheint dagegen mild, fast etwas fad im Abgang. Die barocke Kirche ist eine Station auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Bei der Einweihung der Kirchenorgel 1721 soll Johann Sebastian Bach anwesend gewesen sein. Hier wurden Goethe und Christiane Vulpius getraut, seinerzeit eine Skandalhochzeit und auf dem Friedhof ruht der wohl berühmteste Maler der Frühen Neuzeit Lucas Cranach der Ältere.


Der Jakobsfriedhof Weimar

All dies jedoch interessiert den Reisenden heute nicht. Er hat sich sorgfältig mit seiner Serviette die Finger abgeputzt und tritt ehrfürchtig vor das Kassengewölbe im hinteren Teil des Jakobsfriedhof. Dort wurde der Leichnam Friedrich Schillers am 11. Mai 1805 bestattet. Goethe war unpässlich und nicht fähig sich dem eher familiären Trauerzug anzuschließen. Keiner hatte ihm die Trauerbotschaft mitteilen wollen, doch als ihm der Verlust zu Bewusstsein kam, soll er geweint haben. Jakobsfriedhof Weimar1826 wurde das Gewölbe geöffnet um die Gebeine Schillers umzubetten. Da stellte man mit Schrecken fest, dass sämtliche Särge, die dort aufgestapelt lagerten ineinander gestürzt waren. Aus den Gebeinen suchte man die längsten, zwischen den Schädeln den wohlgeformtesten heraus und erklärte den wiederhergestellten Leichnam für Schiller. Ein Fehler. Der echte Schädel muss noch immer im Kassengewölbe liegen, irgendwo unter den Füßen des Reisenden. Endlich wendet der Reisende seine Schritte über den Weimarplatz gen Bahnhof. Im Regio schlägt er die Thüringische Landeszeitung auf. Die Klassik Stiftung Weimar hat beschlossen den linken Sarg in der Fürstengruft leer zu lassen. Nach dem wahren Schillerschädel soll von Seiten der Stiftung nicht mehr gesucht werden.

 

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