|
Seite 4 von 4
Frauenplan und Fürstengruft
Über die Puschkinallee
kehrt er endlich in die Innenstadt zurück und gelangt auf den
Frauenplan. „Salve! Sei gegrüßt!“ ruft ihm die
Türschwelle zum Wohnhaus des alternden Goethe entgegen, das in
Architektur und Dekor die geistige Welt des ehemaligen Hausherrn
widerspiegelt, dessen ästhetisches Ideal der Wiedergewinnung der
Antike aus dem Geist des Klassizismus galt. In der Schreibstube, wo
er bis zu 3 Sekretären gleichzeitig diktiert haben soll und dem
kleinen Schlafzimmer mit dem Sessel, in dem der greise Dichterfürst
die letzten Nächte seines Lebens verbrachte, sind durch die
Weinranken des Gartens so verdüstert, das der Reisende sich
nicht wundert, wenn der alte Geheimrat in seiner Todesminute
tatsächlich nach „mehr Licht“ verlangt hätte.
Im Nebenhaus lohnt sich ein
Besuch der Dauerausstellung „Weimarer Klassik“, deren
reichhaltige Sammlung gleichzeitig fasziniert und ermüdet. Der
Reisende durchschreitet die Räume mit einem Gefühl amüsiert
reflektierter Erhabenheit, betrachtet das meiste nur flüchtig,
bestaunt aber Herausragendes mit echter Ehrfurcht und ist, als er im
Souvenirshop anlangt, so harmonisch gestimmt, dass er beinahe eine
Nachbildung der goethischen Granitkugel kauft, letztendlich jedoch
nur zu einem Ginkotee greift. Das zwiespältige Blatt erinnert
ihn an seine Verabredung mit dem Klassikerpaar in der Fürstengruft.
„Ist es ein lebendig Wesen das sich in sich selbst getrennt?/ Sind
es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt?“ Er folgt
der Anna-Amalia-Straße vom Frauenplan aus zum Friedhof. Unter
dem Schinkel‘schen Sternenhimmel stehen in der unteren Etage die
Särge der beiden Dichter. Obwohl eine DNA-Analyse im Frühjahr
diesen Jahres eindeutig ergab, dass in dem linken der beiden Särge
nicht Schiller, sondern die zusammengewürfelten Gebeine zweier
Minister liegen, kann der Reisende sich des Eindrucks der edlen
Einfalt und stillen Größe, der von den Sarkophagen zu ihm
herüberschwappt, nur schwerlich rational zu bemeistern. Einen
Augenblick vermögen auch die aufeinandergestapelten fürstlichen
Kindersärge in der Rotunde seine Aufmerksamkeit zu fesseln, dann
verlässt er nach einem Blick in die orthodoxe Kirche den
Friedhof und eilt durch die Innenstadt zurück zum Bahnhof. Es
ist spät geworden.
In einem kleinen Laden zur
Rechten des Nationaltheaters kauft er sich eine Thüringer
Rostbratwurst und wählt sich unter den über 100 angebotenen
Senfsorten, passend zu seinem Tagesprogramm einen Goethe- und einen
Schillersenf aus. Schiller entpuppt sich als derart scharf, dass es
dem Reisenden die Tränen in die Augen treibt, als er über
den Goetheplatz, ein Stück auf dem Graben entlang und dann nach
links in die Kleine Kirchgasse hin zum Jakobsfriedhof biegt. Goethes
Senf erscheint dagegen mild, fast etwas fad im Abgang. Die barocke
Kirche ist eine Station auf dem Pilgerweg nach Santiago de
Compostela. Bei der Einweihung der Kirchenorgel 1721 soll Johann
Sebastian Bach anwesend gewesen sein. Hier wurden Goethe und
Christiane Vulpius getraut, seinerzeit eine Skandalhochzeit und auf
dem Friedhof ruht der wohl berühmteste Maler der Frühen
Neuzeit Lucas Cranach der Ältere.
Der Jakobsfriedhof Weimar
All dies jedoch interessiert den
Reisenden heute nicht. Er hat sich sorgfältig mit seiner
Serviette die Finger abgeputzt und tritt ehrfürchtig vor das
Kassengewölbe im hinteren Teil des Jakobsfriedhof. Dort wurde
der Leichnam Friedrich Schillers am 11. Mai 1805 bestattet. Goethe
war unpässlich und nicht fähig sich dem eher familiären
Trauerzug anzuschließen. Keiner hatte ihm die Trauerbotschaft
mitteilen wollen, doch als ihm der Verlust zu Bewusstsein kam, soll
er geweint haben. 1826 wurde das Gewölbe geöffnet um die
Gebeine Schillers umzubetten. Da stellte man mit Schrecken fest, dass
sämtliche Särge, die dort aufgestapelt lagerten ineinander
gestürzt waren. Aus den Gebeinen suchte man die längsten,
zwischen den Schädeln den wohlgeformtesten heraus und erklärte
den wiederhergestellten Leichnam für Schiller. Ein Fehler. Der
echte Schädel muss noch immer im Kassengewölbe liegen,
irgendwo unter den Füßen des Reisenden. Endlich wendet der Reisende
seine Schritte über den Weimarplatz gen Bahnhof. Im Regio
schlägt er die Thüringische Landeszeitung auf. Die Klassik
Stiftung Weimar hat beschlossen den linken Sarg in der Fürstengruft
leer zu lassen. Nach dem wahren Schillerschädel soll von Seiten
der Stiftung nicht mehr gesucht werden.

|